Die Aufmerksamkeitsmaschine

Die Aufmerksamkeitsmaschine

Der Mensch ist um so reicher, je mehr Dinge er liegenlassen kann. – Henry David Thoreau

Wir leben in seltsamen Zeiten. Es nennt sich das Informationszeitalter. Ich nenne es auch gern das Zeitalter der Ablenkung. Die Menschheit war nie frei von Angeboten der Zerstreuung – aber nie waren die Angebote so umfangreich, überwältigend, intensiv und hartnäckig wie sie aktuell sind. Klingelnde Telefone sind eine Sache. Eine ganz andere Tragweite haben E-Mails, Twitter und Facebook-Nachrichten, eine endlose Reihe von Browser-Tabs, mobilen Geräten, die ständig blinken und piepen.

Je stärker wir vernetzt sind, je mehr wir bis zum Hals im endlosen Strom der Informationen stecken und je mehr wir damit im Kreuzfeuer um unsere Aufmerksamkeit stehen, desto schneller tappen wir in eine ausbeuterische Multitasking-Falle.
Beim Arbeiten werden wir ständig von allen Seiten abgelenkt. Vor uns flackert der Monitor. Wir werden über eingehende E-Mails und andere Benachrichtigungen informiert. Der Browser, der nicht nur eine endlose Menge an Lesestoff bietet, sondern auch unbegrenzte Möglichkeiten zum Einkaufen, Chatten und Gucken zieht uns in seinen Bann. Mehrere Programme sind gleichzeitig geöffnet, jedes mit eigenen Aufgaben verbunden. Gleichzeitig treffen noch mehr E-Mails ein, die schnell beantwortet werden möchten.

Ablenkung schafft allerdings nicht nur, was sich vor uns abspielt sondern auch das, was um uns herum geschieht. Von allen Seiten rauscht es und verlangt um unsere Aufmerksamkeit. Tischtelefon, Handy, Kollegen, eine Sitzung wird einberufen, ein weiteres Angebot zum Essen. Bei so viel Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit, und so wenig Zeit, sich auf wirkliche Arbeit zu konzentrieren, ist es ein Wunder, daß wir überhaupt noch etwas erledigt bekommen.

Beim Verlassen der Arbeit ist der Angriff auf unsere Aufmerksamkeit nicht zu Ende. Das Smartphone hält uns auf Trab, mehr E-Mails, WhatsApp-, Twitter- und SMS-Nachrichten sowie eingehende Anrufe. Wir sind von Werbung umgeben, die nicht nur unsere Aufmerksamkeit fordert, sondern auch unsere Begierden weckt. Zu Hause dröhnt ein Fernseher mit zig Kanälen und wartet unendlich viel Lesestoff. Unser Heimcomputer giert nach Aufmerksamkeit: Emails, soziale Netzwerke, Shopping und Nachrichten. Kinder, Ehepartner, Mitbewohner oder Freunde warten schon auf uns.

Die Folgen dieses Zeitalter sind noch unklar. Wir wissen, daß das Internet in alle Bereiche unseres privaten und öffentlichen Lebens expandiert und daß mobile Geräte mehr und mehr Präsenz gewinnen. Einige Menschen betrachten diese Entwicklung mit Sorge, andere begrüßen die Möglichkeit ständig online zu sein. Viele Chancen werden uns damit geboten allerdings wirkt sich dieser Zustand unwillkürlich auf die Einteilung unserer Zeit aus. Multitasking erhält eine neue Dimension, unsere Freizeit erodiert und damit die Fähigkeit mit einem Mindestmaß an Frieden zu leben. Ich frage mich, ob wir erkennen, wie sehr dies unser Leben verändern wird. Ich denke es ist an der Zeit den Dingen, denen wir täglich unsere Aufmerksamkeit schenken kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Süchtig nach Aufmerksamkeit
Tätigkeiten, die konstant ausgeführt werden, wie E-Mails checken, im Internet surfen, soziales Netzwerken wie z. B. bei Twitter und Facebook entfachen sofort eine positive Wirkung in uns. Deshalb ist es so einfach süchtig danach zu werden.
Andere potentiell süchtig machende Aktivitäten, wie die Einnahme von Drogen, Alkohol oder süßem und fettigem Essen, wirken auf die gleiche Art. Sofort nach Einnahme wird man belohnt. Die negativen Folgen treten erst viel später auf. Die meisten online Aktivitäten haben eine solche süchtig machende Qualität.

Du überprüfst deine E-Mails und hey! Eine neue von einem Freund! Allein die Tatsache, daß du eine E-Mail erhalten hast, d.h. das dir jemand seine/ihre Aufmerksamkeit schenkt, vermittelt ein positives Gefühl. Da es sich, übertrieben formuliert, anfühlt als würde man belohnt, fängt man an den Posteingang immer häufiger und in kürzeren Abständen zu checken. Die Sucht wird damit verankert.
Disconnected aber nicht offline!

Online zu sein bedeutet, daß man ständig und überall Informationen versenden und empfangen kann. Es ist ein Teil unseres Lebens geworden und bestimmt unser tägliches Handeln und Denken. Der Einzug der mobilen Geräte mit Internetverbindung läßt uns noch schneller leben. Man konsumiert schneller und gesellschaftet schneller und erwartet von der Umwelt, daß sie das ebenfalls tut. Während ich als kleiner Geek mit Spannung jede technische Neuerung im IT-Bereich verfolge, frage ich mich mehr und mehr, welche Folgen dieser Lebensstil hat.
Wir sind in diesen Lebensstil reingerutscht aber ich bin mir nicht sicher, ob wir darauf vorbereitet sind. Wie geht man damit um ständig online zu sein? Welche kulturellen Normen helfen uns diesem neuen Lebensstil Struktur zu geben? Wollen wir dieses Leben überhaupt?

Erwartungshaltungen
Angenommen du entscheidest eines Tages, daß Du Dich diesem Lebensstil entsagen möchtest… könntest Du einfach aussteigen? Du könntest, aber Du würdest dich gegen eine Kultur richten, die Teilnahme voraussetzt.

Ein gutes Beispiel hierfür ist, als ich eines Tages ankündigte, ich würde nur noch E-Mails versenden aber keine beantworten. Schließlich machte mir das mehr Freude. Das zu tun erschien mir sehr einfach. Zu meiner Überraschung zog es eine starke Reaktion vieler Personen nach sich. Einige waren beeindruckt, andere dagegen fühlten sich beleidigt oder waren empört. Meiner Meinung nach war diese Entscheidung weder mutig noch arrogant. Allerdings habe ich mit Erwartungshaltungen gebrochen. Interessant wird es, wenn man sich überlegt, daß nur ein Jahrzehnt zuvor, das Versenden und Empfangen von E-Mails noch keine Selbstverständlichkeit war. Durch das pure Vorhandensein des E-Mail Dienstes und seiner gesellschaftlichen Anerkennung wird von mir erwartet, daß ich diesen auch nutze. Wie groß die Erwartungen sind, hängt davon ab wer man ist, wo man arbeitet, und welche normativen Standards der Schicht, in der man sich bewegt, innewohnen.

Pausenlos online zu sein bedeutet, ein Teil dieses konstanten Stroms von Ablenkung und Zerstreuung zu werden. Unsere westlichen Gesellschaften stellen diese Erwartungen zunehmend an uns, beruflich wie privat. Diese Erwartung zu erfüllen ist für viele von uns enorm schwierig– gleichzeitig erfordert es Mut und die Bereitschaft uns dieser zu entsagen. Ich möchte hiermit nicht den Ausstieg aus der Gesellschaft propagieren. Jedoch sollten wir darüber reflektieren und gegebenenfalls Erwartungen, die wir und die Gesellschaft an uns stellt verändern. Das System sollte zu uns passen und nicht anders herum. Zur Nutzerfreundlichkeit eines Gerätes gehört die Offline-Option. Genauso sollte die Möglichkeit sich mal Abzuschotten von allem und jedem zum guten Ton einer vernetzten Gesellschaft gehören.

Ich bin dann mal off….

Damian Paderta
Damian Paderta
Webgeograph & Digitalberater