Workshop „Lebendiger Atlas – Natur Deutschland“

Workshop

Wie könnte ein Atlas der biologischen Vielfalt Deutschlands aussehen? Wer hätte Interesse daran mitzuwirken und welche technischen und rechtlichen Aspekte müssten berücksichtigt werden? Dazu organisierte das Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Berlin eine Auftakt-Konferenz zum Thema „Lebendiger Atlas – Natur Deutschland“. Eingeladen waren Vertreter aus Naturschutzverbänden, Fachgesellschaften, Wissenschaft, Stiftungen, Behörden, sowie aus Bildung und Wirtschaft um über die Machbarkeit eines solchen Atlas zu diskutieren.

Da sich dessen Daten vorrangig auf Beobachtungen oder Sammlungen Ehrenamtlicher stützt, war die frühe Einbindung von Mitwirkung ausdrücklich erwünscht. Bereits beim Auftaktworkshop zeigte sich viel Diskussionbedarf. Das unterschiedliche Verständnis von Datenschutz, Datenlizenzen, Datenlieferketten und Zielgruppen boten genug Stoff, um diese Thmene auf zwei weiteren Workshops zu verteilen. Diese unterschiedlichen Sichtweisen waren produktiv, da sie die tatsächliche vorhandenen Vorstellungen im Umgang mit Informationen widerspiegelten und der Workshop damit keinen einstimmigen Elfenbeinturm von Gleichdenkenden darstellte.

Hintergrund des Projektes

Die Erfassung und die Verfügbarkeit von Biodiversitätsdaten sind wesentliche Grundlagen, um den Zustand von Natur und Umwelt besser beurteilen zu können. Es ist somit eine wichtige, gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die sowohl von Akteuren der Zivilgesellschaft und Wissenschaft als auch der Verwaltung mit unterschiedlichen Ansätzen verfolgt wird.

Anhand verschiedener, und noch zu entwickelnder, Kriterien wird die Eignung der Projekte, die für unterschiedliche Zielsetzungen und thematische Anwendungsfelder entstanden sind, für das Atlas-Vorhaben untersucht. Vorab sollen Möglichkeiten und Grenzen des Projekts in einer Machbarkeitsstudie geprüft werden. Hierfür wird eine Übersicht zu den aktuellen Citizen Science-Projekten zu Erfassung und Monitoring von Arten, Lebensräumen und Ökosystemleistungen, sowie des Kulturerbes in Deutschland erstellt. Das Vorhaben wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert und ist für 2017 angesetzt.

Vision

Der Begriff „Atlas“, als eine ziel- und zweckorientierte systematische Sammlung von Karten in Buchform oder als lose Folge von Einzelkarten, fand bereits erstmalige Erwähnung im Jahre 1595 von Gerhard Mercator in seinem Werk “Atlas sive Cosmographicae Meditationes de Fabrica Mundi et Fabricati Figura“. Heutzutage wirkt der Begriff etwas antiquiert. Doch beschreibt er eine systematische Datensammlung unterschiedlicher Fachgebiete mit unterschiedlichen qualitativen Ansprüchen und Quellen besonders treffend, da die Biodiversitätsdaten von verschiedenen Wissenschaftlern und Citizen Scientists zusammen geführt werden sollen.

Das bundesweite Portal hat zum Ziel, als virtuelle Anlaufstelle für die Bereitstellung biodiversitätsrelevanter Daten zu fungieren. Daraus soll eine gebündelte und möglichst ganzheitliche Landkarte der Biodiversität entwickelt werden. Es soll damit möglich sein, die Daten so aufzubereiten, dass sie miteinander verschnitten und kombiniert werden können, um sie anschließend auszuwerten. Der Lebendige Atlas könnte einerseits die biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen der Natur in Deutschland durch Bürger zu erfassen, und auf der anderen Seite beispielhaft Möglichkeiten aufzeigen, um Kapazitäten in Citizen Science weiterzuentwickeln, zusammenzuführen und fördern.

Citizen Science als tragende Säule

Citizen Science (Bürgerwissenschaftliches Engagement) hat sich zu einem wichtigen Thema sowohl in der Zivilgesellschaft als auch in der Wissenschaft etabliert.  Citizen Science-Projekte produziert  besonders im Naturschutzbereich Datenmengen, die sonst nicht möglich wären, bauen oder verstärken Brücken zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und erhöhen Verständnis und Akzeptanz von Wissenschaft in der Gesellschaft.

Ein partizipatives Datenportal zu bauen, heißt also auch immer, diejenigen in den Prozess frühzeitig einzubinden, die tatsächlich „draußen“ sind und Daten erheben. Mit ihnen steht und fällt ein solches Projekt. Ziel der vergangenen Workshops war es, von engagierten Menschen zu erfahren, welche Erfahrungen im Umgang mit wissenschaftlichen Ansprüchen innerhalb von Citizen Science-Projekten im Ehrenamt vorliegen und welche beiderseitigen Erwartungen damit verbunden sind.

Der „Lebendiger Atlas – Natur Deutschland“ könnte als interdisziplinäre Plattform verstanden werden, um bestehende Strukturen z.B. im Bereich der Fachgesellschaften und Verbände sichtbar zu machen und zu stärken, Synergieeffekte in bestehenden Aktivitäten zu identifizieren und innovative Entwicklungen zu begleiten. Technische sowie organisatorische Offenheit und Transdisziplinarität lauten die Zauberwörter. Transdisziplinarität zeichnet sich durch ein methodisches Vorgehen aus, das wissenschaftliches Wissen und praktisches Wissen verbindet und Innovationsimpulse freisetzen kann. Offenheit ist dafür die Vorraussetzung.

Offene Daten zur Flora und Fauna in Deutschland

Bevor ein Portal in Code gegossen wird, müssen die Erfolgsfaktoren von Citizen Science-Projekten identifiziert und eine neue wechselseitige Kultur der Wertschätzung zwischen Wissenschaft und Ehrenamt entstehen. Neu deshalb, weil viele Ehrenamtliche Datensammler künftig ihre Daten über eine App oder ein Portal bereitstellen sollen und dadurch andere Feedbackmechanismen der Wertschätzung benötigen werden. Besonders ältere Ehrenamtliche, die viel Zeit in Beobachtungen stecken, dürfen sich nicht „abgepumpt“ fühlen, wenn ihre Daten auf einem Portal neben tausenden anderen Datensätzen in unterschiedlicher Qualität hochgeladen werden sollen. Der Verweis auf den Wert der Wikipedia reicht nicht aus.

Andererseits führt kein Weg an einem Portal mit offen lizenzierten Daten vorbei, möchte man den Verkehrs- und Gebrauchswert der Daten gewährleisten. Komplizierte, unklare und restriktive Lizenzen schrecken besonders diejenigen ab, die keine Rechtsabteilung besitzen oder sich nicht leisten können, einen Juristen mit der Prüfung von Lizenzen zu beauftragen. Einfache, bewährte und international anerkannte Lizenzen schmälern dieses Risiko und erlauben es, Naturinteressierten und Sammlern, ihre Daten zu kombinieren, zu publizieren und zu teilen. Es sürfte im Sinne der Datensammler sein, die sich vornehmlich auch als Naturbeschützer verstehen, wenn die Resultate ihre Anstrengungen weiteren Personen mit anderen Qualifikationen zur Verfügung gestellt werden können, die diese Daten für den Erhalt der Artenvielfalt einsetzen und damit auch Geld verdienen dürfen.

Creative Commons Lizenzen, die eine kommerzielle Nutzung ausschließen, verwehren jenen Kreativen und Weiterverarbeiter die Möglichkeit, diese Daten aufzuwerten und sie auf ihren, möglicherweise werbefinanzierten oder werberischen Blog zu veröffentlichen. Im Zweifelsfalls nehmen sie Abstand davon, wenn nicht klar ist, ob eine kommerzielle Nutzung der Daten und Werke vorliegt oder nicht.

Gute Beispiele

Gelungene Beispiele von Zusammenarbeit finden sich in England (Online Atlas of the British and Irish flora) oder in Australien (Atlas of the Living Australia). Das Projekt Map of Life ist ein weiteres Beispiel für die gelungene Verbindung von Wissenschaft und Citizen Science. Es ist in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung entstanden. Die App von „Map of Life“ zeigt an, welche Tiere rund um den eigenen Standort existieren. Die Nutzer können selbst Daten per App beisteuern und werden damit zu wichtigen Partnern, die zu wissenschaftlichen Erkenntnissen beitragen können. Angesichts des hohen Durchschnittsalters der deutschen ehrenamtlichen Beobachter und Datensammler ist in Hinblick auf die nachfolgenden Generationen eine Orientierung an deren technischen und kommunikativen Praktiken unerläßlich. Die Kids arbeiten mit ihrem Smartphone und nicht mit Block und Stift. Sie sind schnellere Resultate gewohnt und brauchen die entsprechenden Tools, um ihr Schaffen sinnstiftend einzusetzen.

Nur eine Frage der Technik?

Die Daten sollen offen sein, doch wie schafft man es die Datensammler zu motivieren und zu wertschätzen? Eine entscheidende Rolle sollen dabei Fachgesellschaften und Verbänden zukommen. Es braucht Systeme der Reputation, Feedback und Wertschätzung innerhalb der Communities um den Wert der ehrenamtlichen Arbeit zu würdigen. Das kann organisatorischer Ebene, z.B. durch Veranstaltungen wo sich Professionelle und Ehrenamtliche austauschen, geschehen oder auf technischer Ebene, z.B. wenn infrastrukturelle Voraussetzungen geschaffen werden, die Möglichkeiten der vereinfachten Datenverarbeitung anbieten und sich nach den Bedürfnissen der Ehrenamtlichen richten und mit (!) ihnen entwickelt werden.

Ein Open Data-Portal mit Freier bzw. Open Source-Software zu betrieben, welches gleichrangig die traditionelle Wissenschaft und sowie Citizen Science abbildet, ist eine kleine Revolution. Revolutionär deshalb, weil es ein neues Wertemodell darstellt und etablierte Strukturen bei allen Akteuren in Frage stellt und teilweise sogar bedroht. Angefangen über die etablierten Publikationsmodelle bis zur schwierigen und grundsätzliche Frage: Wem gehört das Wissen?

Zum Glück wurden in anderen Ländern bereits Erfahrungen gesammelt. Warum also nicht aus dem Erfahrungsschatz anderer Communities lernen und deren gute Praxis adoptieren und anpassen? Die damit einhergehenden Reibungsverluste sind ein notwendiger Teil dieses Prozesses. Es braucht viel Mut sie anzugehen. Der „Lebendiger Atlas – Natur Deutschland“ ist auf dem besten Weg dahin.

Damian Paderta
Damian Paderta

WebGeograph