Total Postdigital?

Total Postdigital?

Was bedeutet Postdigital?

Eine Schreibmaschine statt einem Laptop zu verwenden gilt nicht mehr als altmodisch, sondern als Zeichen der bewussten Entscheidung für den Verzicht von elektronischer Technologie. Diese Herangehensweise ist ein Beispiel für Postdigitalität. Die Überzeugung, das moderne Technik per se, ganz gleich zu welchem Zweck und in welchem Kontext, wird in dieser Haltung ebenso kritisiert, wie persifliert. Andere Beispiele postdigitaler Kultur sind das Revival von Vinyl, Audiokassetten, analoger Fotografie und Kunstdrucke. Diesen Kulturgütern ist einerseits gemein, dass sie zwar in der Logik technisch überholt sind und als analog gelten, andererseits spielt das nostalgischen Flair bei der Nutzung eine übergeordnete Rolle.

Der Begriff „Postdigital“, der einst als kritische Reflexion von digital ästhetischem Immaterialismus verstanden wurde, beschreibt nun den chaotischen Zustand innerhalb der Kunst und der Medien, der nach der Revolution der digitalen Technologie eingetreten ist. Das „Postdigitale“ erkennt weder die Unterscheidung zwischen „alten“ und „neuen“ Medien, noch kennt es die ideologische Affirmation des Einen oder des Anderen. „Postdigital“ verschmilzt „alt“ und „neu“ indem es mit der Netzwerkkultur in der analogen Technologie experimentiert, sie wieder wiederverwendet und erforscht. Eine klare Tendenz zum Experimentellen und weniger zum Konzeptionellen ist hier erkennbar.

Aus der Do-It-Yourself-Kultur stammend, ist der Begriff „Postdigital“ konträr zu einer totalitären Innovationsideologie und einem hochvernetzten Big Data-Kapitalismus zu verstehen. Im „semantischen Kapitalismus“, der pejorativen Bezeichnung für das „semantic web“, haben immer komplexer und totalitärer werdende Infrastrukturen und Entwicklungen die Unterscheidung zwischen den „virtuellen Welten“ und der Alltagskultur Vergangenheit werden lassen und so scheint dem Begriff „Postdigital“ jegliche politische Reflexion, sowie jegliches kritisches Verständnis des gegenwärtigen Zustandes zu fehlen. Bei näherer Betrachtung jedoch, ist die Unterscheidung zwischen der Praxis von „Big Data“ und dem neo-analogen DIY nicht so deutlich, wie sie auf den ersten Blick zu vermuten wäre. An diesem kritischen Punkt weitet sich die Bedeutung des Begriffes „Postdigital“.

Wie kann ich mir Postdigitalität vorstellen?

„Postdigital“ beschreibt zunächst einmal kein medientheoretisches Wissen, sondern eines, dass einer künstlerischen Praxis entsprungen ist. Es bezieht sich auch auf ein etabliertes Konzept des „Digitalen“, mit der Art von Deutungen, die online zu finden sind, die den Begriff mit hochmoderner Technologie, Immaterialität, Klarheit und virtuellem Raum verbinden. Das ist die Ästhetik gegen die das „Postdigitale“ seinen kritischen Einwand erhebt. Frühere Theorien des „Postdigitalen“ haben sich wirkungsvoll gegen das Image der technologischen Überlegenheit und Innovation, dass dem „Digitalen“ anhaftete, gewehrt. Zur gleichen Zeit definierte die Medienproduktion erstmals alles als „Postdigital“, was u.a. im Gebrauch von gegenwärtig ausgesonderten Effekten aus materiellen Medien Gebrauch, die selber eigentlich digital waren.

Das Resultat war eine bedenkliche Bedeutungszuschreibung des „Postdigital“-Begriffs. Somit liegen dem Begriff „Postdigital“ mehre Definitionen und Auffassungen aus verschiedenen Disziplinen vor. In diesem Zusammenhang ist der Begriff aus einem kritischen Bezug zu einer Mainstream-Kultur zu verstehen, in der sogar Dinge des alltäglichen Gebrauchs wieder neu verpackt werden, also als „digital“ bezeichnet werden, mit der Absicht dem Konsumenten ein hochwertigeres Produkt zu suggerieren.

Postdigital als Zustandsbschreibung

Ein gutes Beispiel des Postdigitalen stellt sich in der Art und Weise dar, wie sich die Kunst durch digitale Netzwerk-Technologien verändert hat, ohne dass sie an sich digital geworden ist. Die Menschen, die die Kunst im Zeitalter der postrelationalen Ästhetik prägen, verwenden nicht länger analoge, sondern überwiegend digitale mediale Infrastrukturen für ihre Kunstkritik und Produktion. Ebenso wurden die „alten Medien“ zu Postdigitalen Medien, wo sie sich von Informationsmedien hin zu ästhetisch-experimentellen Medien verändert haben.

„Postdigital“ bezieht sich auf einen Zustand in dem die Veränderung der Alltagskultur durch digitale Informationstechnologie bereits klar und sichtbar geworden ist. Dies kann bedeuten, dass es nicht länger als revolutionär angesehen wird. In diesem Sinne ist der Begriff „Postdigital“ tatsächlich komplementär zum Begriff „neue Medien“ zu verstehen. Er bezeichnet auch die nicht offensichtliche historische Ideologie der „neuen Medien“. Falls „Postdigital“ kritische Fragen bezüglich der ideologischen Narrativs des Post“-Begriffs aufwirft, dann reflektiert es auch das vorherige, unkritische des alten Begriffs „neue Medien“ und seine eigene historisch-ideologische Semantik.

Die Unterscheidung zwischen „alten“ und „neuen“ Medien ist somit in der Theorie und in der Kunstpraxis falsifiziert. Postdigitale Künstler verwenden ihre Medien für ihre besondere, eigene Materialästhetik, ganz gleich ob analog oder digital. Es ist eine Form der Studie, die die Medien von ihrem Nicht-Funktionieren aus erfasst. Nimmt man diese Systeme auseinander und verwendet sie entgegen ihres ursprünglichen Konzepts und ihrer Bestimmung, erkennt man die Abgrenzung zu den inhaltslosen Neuverpackungen der analogen Medienästhetik im kulturellen Mainstream.

Auf der anderen Seite wird die Kultur, die in einen Mainstream mit dem Netzwerk der digitalen Medien übergeht, zum Schluss bei der Produktion von analogen und Postdigitalen Medienobjekten angewendet. Oft ähneln sie alten Medienpraktiken, wenden jedoch prozessuale und interaktionsorientierte Möglichkeiten an. Mit anderen Worten werden Praktiken der „neuen Medien“ auf die „alten Medien“ übertragen. Die hierbei ausschlaggebende Kraft ist die DIY–Mentalität gegen das „verpackte“ Produkt. Wobei nicht mehr davon auszugehen ist, dass dies nur in dem jeweils einen oder anderem Medientyp der Fall stattfindet. Die neue materialistisch orientierte „Macher“-Kultur spiegelt paradigmatisch, sowohl die digitale und analoge Vorgehensweise, ihrer kommerzielle Dimension wieder.

Umgekehrt sind die etablierten „neuen Medien“ nicht mehr DIY seit der „semantische Kapitalismus“ von einigen großen Marktführern übernommen wurde. Mit der Fokussierung auf DIY und Produktion, gibt es gleichzeitig auch einen neuen Fokus vom Konzeptionellen hin zum „Roh-Materialismus“, von der Semantik hin zum Experimentellen.

Wenn das Postdigitale digital ist und umgekehrt

Vom rein technologischen Aspekt wird der Begriff „digital“ fälschlicherweise sehr häufig in der Medienkunst- und Forschung verwendet. Wie zum Beispiel die Begriffe „digitale Kunst“, „digitale Medien“ und „digitale Medienforschung“. Wenn etwas „digital“ ist, muss es nicht zwangsläufig Teil eines digitalen Verarbeitungssystems sein. „Digital“ bedeutet einfach nur, dass sich etwas aus mehreren Zuständen oder Einheiten zusammensetzt. „Analog“ hingegen bezieht sich auf chaotische Strömungen und Zuströme und anderes Material wo die Unterscheidungen nicht, oder nur künstlich angewendet werden können. Umgekehrt existiert „digital“ nicht objektiv in der realen Welt, außer als Produkt der Auswertung. Medien werden demnach, technologisch betrachtet, immer als „analog“ angesehen. Streng genommen gibt es keine digitalen Medien, nur digitale oder digitalisierte Informationen.

Die meisten Kunstwerke die „digitale Kunst“ im engen technologischen „digitalen“ Sinne wären, bei denen aber keine Elektronik zur Anwendung kommt, würden System der Medienkunst und in der Medienforschung dennoch eher als „Postdigital“ oder sogar als „analog“ bezeichnet werden. Die Alltagskultur des Mainstream jedoch, bezeichnet fälschlicherweise alles als „digital“ was auf irgendeine Art und Weise mit der digitalen Informationsverarbeitung verbunden ist oder materielle Schnittstellen dazu aufweist. In diesem Kontext wird „postdigitale Kunst“ häufig als Tarnkappe verwendet, um die fehlende kritische Reflektion darüber was nun digital sei und was nicht, auszugleichen.

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Wiederbelebung der „alten Medien“

Digitaler Entzug scheint nach den Snowden-Enthüllungen eine verlockende Option für viele zu sein. Dies scheint deshalb besonders naiv zu sein, weil Briefpost genauso wie Emails von den Geheimdienst abgefangen werden kann. Ein solcher Rücktritt aus der technisierten Welt scheint aus dem Blickwinkel der Künste eine Wiederholung der Bewegung einer handgefertigten Produktion als Mittel des Widerstandes gegen vordringenden Industrialisierung zu sein. Dies kann die Renaissance von Grafiken im Kunstdruck, selbstgemachte Filmlaboren, limitierten Vinyl-Editionen, Audiokassetten, mechanische Schreibmaschinen, sowie analoge Kameras und analoge Synthesizer erklären.

Viele zeitgenössische KünstlerInnen bevorzugen eindeutig die Arbeit mit nicht-elektronischen Medien. Vor die Wahl gestellt, gibt eine Mehrheit von ihnen an, „lieber ein Poster zu entwerfen als eine Website“. In den Niederlanden zumindest, wo Bildungsprogramme für digitale Kommunikationsdesign fast vollständig von Kunsthochschulen zu Fachhochschulen verlagert wurden, werden digitale Medien oft als Mainstream von Kunststudenten betrachtet und dementsprechend abgewiesen. Ist dies etwa die gegenwärtige Form des Luddissmus?

Bei näherer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass „do-it-yourself“ (DIY), die Dichotomie zwischen digitalen Big Data und Neo-Analog nicht so eindeutig ist, wie sie zunächst scheint. Dementsprechend „Postdigital“ ist deshalb wohl mehr als nur ein schlampige Beschreibung eines zeitgenössischen und möglicherweise nostalgische, kulturellen Trends. Tatsache ist, dass das Zeitalter in dem wir jetzt leben kein postdigitales ist – weder in Bezug auf technologische Entwicklungen – noch in Hinsicht auf ein mögliches Ende des Trend zur weiteren Digitalisierung und Computerisierung.

Allerdings kann der Begriff „Postdigital“ pragmatischer und sinnvoller definiert werden: Dies gilt für die Vorsilbe „post“ sowie der Begriff „digital“. Das Präfix „Post“ sollte nicht hier in dem Sinne, wie die Postmoderne verstanden werden, sondern vielmehr im Sinne von z.B. Post-Punk (Fortsetzung der Punk-Kultur in einer Weise, die irgendwie immer noch Punk, aber auch darüber hinaus Punk ist); Postkommunismus (wie der laufenden gesellschaftspolitische Realität in ehemaligen Ostblockstaaten); Postfeminismus (als kritisch überarbeitet Fortsetzung des Feminismus); Postkolonialismus und in geringerem Maße, Post-Apokalyptisch – eine Welt also, in der die Apokalypse ist nicht vorbei, sondern sich von einer diskreten Bruchstelle zu einem laufenden Zustand fortgeschritten ist .

Keine dieser Anlehnungen wie Post-Punk, Post-Kommunismus, Post-Feminismus, Postkolonialismus, oder Post-Apokalypse kann in einem rein Hegelschen Sinne, eines unvermeidlichen lineare Fortschreiten der Kulturgeschichte verstanden werden. Vielmehr beschreiben sie subtile kulturelle Veränderungen und laufenden Mutationen. Postkolonialismus bedeutet in keiner Weise ein Ende des Kolonialismus, sondern vielmehr eine Mutation neuer Machtstrukturen, weniger offensichtlich, aber nicht weniger durchdringend. Eine Veränderung die einen tiefgreifenden und nachhaltigen Einfluss auf Sprachen und Kulturen und geopolitische Auswirkungen hatte. In diesem Sinne hat der postdigitale und der post-apokalyptischen Zustand eine Gemeinsamkeit: der Stand der Dinge nach dem ersten Umbruch durch die Computerisierung und globale digitale Vernetzung von Kommunikation, hat technische Infrastrukturen, Märkte und Geopolitik tiefgreifend verändert.

Steriler, blauer High-Tech

Der Begriff des „Digitalen“ im „Postdigitalen“ soll keineswegs im medientheoretischen oder technisch-wissenschaftlichen Sinn verstanden werden. Vielmehr beschreibt er einen Begriff aus der Pop-Kultur. Eine Google Bildersuche mit dem Stichwort „digital“ ergab folgendes Ergebnis:

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Auf den ersten Blick bemerkt der Betrachter, wie stark im Jahre 2015 mit der Begriff „digital“, optisch mit der Farbe Blau verbunden ist. Blau ist die kühlste Farbe im Farbspektrum. Konnotiert werden kann mit ihr sprichwörtliche Abwesenheit von (menschlicher) Wärme und sterile Sauberkeit. Eine einfache Definition des Begriffes Postdigital kann als Medienästhetik beschrieben werden, die dem sterilen Sauberkeits- und High Fidelity-Image etwas Anderes entgegenzusetzen hat. In der Tradition der Musiktechnik beispielsweise, bedeutete der technische Fortschritt eine erhöhte Wiedergabetreue. Ebenso in der visuellen Übertragung von Videos.

Am Ende dieser nicht abzusehenden Entwicklung steht die vollkommen realitätstreue Wiedergabe einer wie auch immer imaginierten Realität, mit Hilfe eine technische ständig weiterentwickelten Mediums. Ganz gleich, ob von Vinyl zu CD, von DVD zu Blu-Ray oder 2D zu 3D. Das Narrativ bleibt das Gleiche: Die unverfälschte, reproduktionsidentische und realitätsnahe Wiedergabe. Alles Digitale suggeriert als solche schon die bessere Technik. Innerhalb dieses Narrativs ist dies auch kaum zu wiederlegen. Paradox ist es, wenn der Glitch, ein Filtereffekt der die Qualität gewissermaßen intendiert beeinträchtigen soll und selber das Produkt digitaler Prozessverarbeitung ist, als überlegen angesehen wird.

Eine postdigitale Ablehnung des digitalen High-Techs bei gleichzeitiger Ablehnung geringerer Qualität, zeigt sich in vielen allen Bereichen: Vinyl klingt besser als CD (und als Mp3´s sowieso), analoge Fotografie sieht besser aus als digitale Fotografie (und viele besser als Smartphone-Schnappschüsse), 35 mm Filmprojektion sieht besser aus als digitale Filmproduktion (geschweige denn YouTube-Videos), etwas auf einer mechanischen Schreibmaschine Getipptes hat mehr Wert als eine digitale Textdatei.

Was heißt eigentlich Digital?

Aus rein technischer oder wissenschaftlicher Sicht, ist die Verwendung des Wortes „digital“ ungenau. Dies gilt auch für das Meiste von dem, was gemeinhin als „digitale Kunst“, „digitale Medien“ und „Digital Humanities“ bekannt ist. Etwas kann sehr wohl „digital“ sein, ohne elektronische und ohne Beteiligung binären Nullen und Einsen. Es muss nicht einmal in irgendeiner Weise zu elektronischen Computer oder jede andere Art von Rechenvorrichtung in Beziehung stehen. Umgekehrt bedeutet „analog“ nicht unbedingt „Nicht-Berechnet“. Es gibt auch Analogrechner. Ein einfaches Beispiel für Analog-Rechnen: Mit Wasser und zwei Messbechern ist es möglich Additionen und Subtraktionen durchzuführen bzw. zu berechnen. Dies entspricht Mengen, die nicht genau gezählt werden können.

„Digital“ bedeutet einfach, dass etwas in diskrete, zählbare Einheiten unterteilt ist, ganz gleich ob Nullen und Einsen auf einem Stück Papier oder die Finger die von der Hand abgezählt werden. Folglich bildet das lateinische Alphabet ein digitales System. Die beweglichen Buchstaben von Gutenbergs Druckerpresse ein digitales System oder die Tasten eines Klaviers sind ein digitales System. Westlichen Musiknotation ist meist digital, mit Ausnahme der Anweisungen, die mit nicht-diskreten Werte wie Adagio, Piano, forte, Legato, Portamento, Tremolo und Glissando bezeichnet werden. Bodenmosaiken von monochromen Fliesen sind digital komponierte Bilder. Alle diese Beispiele zeigen, dass es „digital“ Informationen nie in einer perfekten Form, sondern ist eine idealisierte Abstraktion der Materie, die ihrer materiellen Natur, chaotischen Eigenschaften und oft mehrdeutige Zustände inne hat.

Was heißt eigentlich Analog?

Umgekehrt bedeutet „Analog“, dass die Informationen nicht in diskrete, zählbaren Einheiten zerhackt, sondern aus einem oder mehreren Signalen bestehen, die auf einer kontinuierlichen Skala variieren, wie beispielsweise eine Schallwelle, eine Lichtwelle, ein Magnetfeld (beispielsweise auf einem Audioband oder auf einer Festplatte), der Stromfluss in einer Schaltung mit einem Computerchip oder einen allmählichen Übergang zwischen den Farben, beispielsweise in gemischten Farbe. D.h. man kann daher analog als „undifferenziert in den Extremen“ und als das genaue Gegenteil von einem Notationssystem definieren.

Das Griffbrett der Geige ist analog: es hat im Gegensatz zur Gitarre keine Bünde und ist damit kontinuierlich in seiner Klangerzeugung. Das Griffbrett der Gitarre ist dagegen digital: durch die Bünde sind die einzelne Noten aufgeteilt. Die Struktur eines Analogsignals wird vollständig von der Entsprechung (analog) mit der ursprünglichen physikalischen Phänomen, das imitiert wird bestimmt. Im Falle der Fotoemulsion, bei der die Verteilung der ansonsten chaotischen Teilchen der Verteilung von Lichtstrahlen entspricht und damit ein Bild für das menschliche Auge bilden. Oder auf dem Tonband: die Schwankungen der Magnetisierung der chaotischen Eisen-oder Chrom-Teilchen entsprechen der Schwankungen in der Schallwelle, die sie wiedergeben.

Digitale Alleskönner

Die Verfechter von „postdigitalen“ Einstellungen können Digitaltechnik entweder als sterilen High-Tech-Schrott oder Low-Fi-Müll ablehnen. In beiden Fällen spielt die Idee der digitalen Verarbeitung als einzige universelle Allzweck-Form der Informationsverarbeitung die entscheidende Rolle. Folglich ist der Computers für sie eine Art Alleskönner. Der Begriff „Postdigital“ beschreibt in einem einfachsten Sinn, die chaotischen Zustände der Medien, Kunst und des Design nach der Digitalisierung. Zumindest spielt die Digitalität der Kanäle über die sie kommuniziert werden, eine entscheidende Rolle. Andererseits können Gefühle wie Enttäuschung oder Skepsis auch Teile der Gleichung sein. Viele zeitgenössische bildende Künstler akzeptieren nur langsam Werke der Netzkunst von zeitgenössischen Künstlern als gleichberechtigt. 

Postdigital als Hybrid von alten und Neuen Medien

„Postdigital“ bezieht sich also auf einen Zustand, in dem die Unterbrechung auf der digitalen Informationstechnologie bereits stattgefunden hat. Dies kann bedeuten, dass diese Technologie nicht mehr als störend wahrgenommen wird. Folglich kann „Postdigital“ in direktem Widerspruch zu dem Begriff der „Neuen Medien“ oder „Social Media“ stehen. „Postdigital“ beschreibt eine Perspektive auf digitalen Informationstechnologie, die sich nicht mehr auf technische Innovation oder die Optimierung konzentriert, sondern auf die Nutzung von in unterschiedlichen oder „veralteten“ techno-historischen Entwicklungständen befindlichen Techniken. Folglich löst  das Postdigital die Unterscheidung zwischen „alten“ und „neuen“ Medien, in der Theorie als auch in der Praxis, auf. Sowie junge Kreative, Ölfarben in Photoshop und Flohmärkte  für Vinyl durchforsten, während sie ihre Musik mit künstlich hinzugefügten Vinyl-knistern auf ihren iPods hören.

Junge Künstler und Designer wählen Medien für ihre eigenen ästhetischen Werke, Material einschließlich ihrer Artefakte aus unabhängig davon, ob es sich um die Folgen von analogen Materialeigenschaften handelt oder der digitalen Verarbeitung. Die Lo-Fi-Unvollkommenheiten wird zelebriert – der digitale Glitch zusammen mit Staub,  Kratzern und dem Rauschen analoger Bandwiedergabe, dient als eine praktischen Studie, die Materialien auf ihre Unzulänglichkeiten und Fehlfunktionen hin untersucht und verwendet. Es entwickelt sich eine postdigitale Hacker-Haltung innerhalb dieser Systeme mit dem Anspruch, die ursprüngliche Intention des Entwurfs zu untergraben.

Alles Retro?

Es gibt ohne Zweifel große Überschneidungen zwischen der einerseits postdigitalen Druckgrafik, Audiokassette-Produktion, der mechanischen Schreibmaschine, und dem Vinyl-auflegenden DJ und auf der anderen Seite verschiedene Retro-Trends, einschließlich der digitalen Simulation von analogen Lo-Fi in  populären Smartphone-Apps wie Instagram, Hipstamatic und wie sie alle heißen. Dennoch gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen den oberflächlichen und stereotypischen vorgefertigten Effekten und der gründlichen reflektierten Arbeit im Vintage der Medien, die durch den Wunsch nach nicht-formeller Ästhetik getrieben werden, zu produzieren. Trotzdem können solche Praktiken als kreativ bezeichnet werden, da „Postdigital“ nicht nur zur Belebung älteren Medientechnologien beiträgt, sondern diese vielmehr umfunktioniert wie z. B.: Zines als Anti-Blogs, Vinyl als Anti-CD, Kassettenbänder als Anti-MP3, analoger Film als Anti-Video.

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Es gibt keine digitale Ästhetik oder digitale Medien

Medien sind, im technischen Sinne der Speicherung, Übertragung, Berechnung und Anzeige, immer analog. Der Strom in einem Computer-Chip ist analog, wie auch seine Spannung beliebige, undifferenzierten Werte in einem bestimmten Bereich sind. Nur durch Filterung kann man einen bestimmten Teilbereich der Hochspannungen entsprechend einer „Null“ und einem weiteren Teilbereich der Niederspannung zu einer „Eins“ bestimmen. Hardware-Defekte können dazu führen, dass Bits kippen, drehen, Nullen zu Einsen werden und umgekehrt. Auch sind die von einer Soundkarte und einem Lautsprecher erzeugten Schallwellen analog.

Ein LCD-Bildschirm ist eine hybride Digital-Analog-System: seine Anzeige besteht aus diskreten, einzelnen Pixel, aber das Licht, dass durch diese Pixel emittierte wird auf einem analogen Kontinuum gemessen. Folglich gibt es so etwas wie digitale Medien nicht, sondern nur digitale oder digitalisierte Informationen: zerstückelten Zahlen, Buchstaben, Symbole und andere abstrahierte Einheiten, im Gegensatz zu kontinuierlichen, wellenartige Signalen wie Klang und sichtbares Licht. Elektro-Geräte, die auch gerne als digitale Medien genannt werden, sind in der Tat Analog-zu-Digital-zu-Analog-Wandler: ein MP3-Player mit Touchscreen-Schnittstelle nimmt beispielsweise eine analoge, nicht diskrete Gestik auf und übersetzt sie in binäre Steuerbefehle, die wiederum setzt die Informationsverarbeitung einer digitalen Datei in Gang und folgt dann als Decodierung in ein analoges elektrisches Signal, das ein anderes analoges Gerät, ein elektromagnetischen Mechanismus in einem Lautsprecher oder Kopfhörer übersetzt wird, um letztlich als analoge Schallwellen Musik zu spielen.

Das gleiche Prinzip gilt für fast alle sogenannten digitale Mediengeräte, von einem Foto oder Videokamera bis zu einer unbemannten, militärischen Drohne. Unsere Sinne können Informationen nur in Form von nicht-diskrete Signale wie Schall oder Lichtwellen wahrnehmen. Daher ist alles Ästhetische (im wörtlichen Sinne von Aisthesis also Wahrnehmung), ausgehend von einer strengen technische Definition, analog.

Ein „digitales Kunstwerk“ auf der Basis der rein technischen Definition von „digital“, würde am ehesten als „Postdigital“ oder sogar „Retro-analog“ von KunstkuratorInnen und Geisteswissenschaftlerinnen genannt werden. Die alltägliche Definition von „digital“ umfasst die Fiktion (oder eher: die Abstraktion) der körperlosen Wesen der digitalen Informationsverarbeitung. Der umgangssprachliche Gebrauch von „digital“ neigt auch metonymischer zu sein, so dass alles, was wörtlich oder im übertragenen Sinne um die Berechnung der elektronischen Geräten verbunden ist: auch ein Kamerastativ kann heutzutage „digital“ genannt werden. Diese Vorstellung, die vor allem durch Marketingbranche kultiviert wurde, ist unhinterfragt von den „Digital Humanities“ (wie der Begriff „Digital Humanities“ selber darstellt) angenommen worden.

Fiktionen der Macht

Postdigitale Subkulturen, egal ob in Detroit, Rotterdam oder anderswo, unterscheiden sich auf einer grundlegenden Ebene nicht vom Mainstream der Utopien des Silicon Valley. Ein wichtiger Grund warum Kunststudenten die Gestaltung von Plakaten der Gestaltung von Website bevorzugen, ist die Fiktion oder Illusion von mehr Macht oder Kontrolle über das Medium. Ebenso werden „digitale“ Kulturen durch ähnliche Illusionen des freien Willens und individuellen Empowerments angetrieben. Die Quantified-Self-Bewegung beruht beispielsweise auf einer Fiktion der Beherrschung des eigenen Körpers. Das gesamte Konzept des DIY, ob nicht-digital, digital oder postdigital, basiert auf der Fiktion der Beherrschung und der Kontrolle der Technik.

Jede dieser Fiktionen bezieht sich individuell auf die techno-politischen und wirtschaftlichen Realitäten unserer Zeit: entweder eine Überidentifikation mit diesen Systemen oder eine kategorische Ablehnung dieser. Jedes dieser Extreme ist, in seiner eigenen Art und Weise, symptomatisch für eine Krise der Systeme – keine Krise dieses oder jenes System, sondern eine Krise des Paradigmas „Systems“. Ein Begriff wie „Post-Snowden“, beschreibt nur einen (wichtigen) Aspekt eines größeren Bildes: eine Krise des kybernetischen Begriff „System“, die weder „digital“ noch „Postdigital“ ist, noch in der Lage sind diese hinter sich zu lassen oder gar angemessen zu beschreiben.

Entzauberung des Postdigitalen

Im Zeitalter ubiquitärer mobiler Computer, Drohnenkriege und gigantischen Datensammlungen und -verarbeitungen seitens NSA, Google und anderen Internet-Giganten, ist der Begriff des Postdigitalen noch fragwürdiger geworden, als er es ohnehin schon war. Er ist entweder ein Zeichen von Unwissenheit über die gegenwärtigen Machtverhältnisse und Praktiken oder als Rückzug aus der Realität zu verstehen. Alternativ kann der Begriff Postdigital verwendet werden, um eine rein zeitgenössische Enttäuschung über digitale Informationssysteme und Medien Gadget zu beschreiben oder die Faszination über historisch „überwundene“ Technik auszudrücken.

Postdigitale Entwicklungen

Wenn nun Postdigitale Ästhetik aus digitalen und nicht-digitalen DIY-Praktiken in einer Medienwelt existiert, die von Big Data beherrscht wird, dann ist es naheliegend, dies als Kritik am „semantischen Kapitalismus“ und seiner Innovationsideologie zu betrachten. Nichtsdestotrotz, sowohl das Postdigitale, als auch das Techno-Kapitalistische werden von den strukturell gleichen Versprechen angetrieben: Das Versprechen der Kontrolle über die Gesellschaft mithilfe von Big Data und andererseits das Versprechen der Beteiligung der Menschen an der DIY-Kultur – beides tendenziell eher bedenklichen Reflexionen der Systemkomplexität. Postdigital bezeichnet in diesem Zusammenhang die Omnipräsenz des Digitalen und nicht sein Verschwinden. Diese Omnipräsenz ist beängstigend und faszinierend zugleich.

Damian Paderta
Damian Paderta
Webgeograph & Digitalberater