Projektion unproblematisch? Weltbilder in raumbezogenen Visualisierungen

Karten sind eine zentrale „Säule“ jeglichen geographischen Wissens. Sie beeinflussen damit Denken und Handeln und sind in diesem Sinne mächtig. Die Karte ist eine Visualisierungsart die uns hilft, räumliche Grenzen besser zu verstehen und uns im Raum zu orientieren. Doch Karten sind kein Abbild der Welt oder nur eine Hilfe, um von A nach B zu Navigieren. Sie haben auch Einfluss auf die Machtverhältnisse einer Gesellschaft und auf die Konstruktion von Zugehörigkeit und Fremdheit.

Die Änderung an einem winzigen Detail einer Karte kann die Realität verändern, Grenzen verschieben, Geheimnisse verbergen und schlimmstenfalls menschliche Tragödien auslösen. Karten sind als „Leitmedium“ des Geographieunterrichts ein beliebtes Arbeitsmittel. Sie jedoch lediglich als neutralen Informationsspeicher zu betrachten, bedeutet, die Vielschichtigkeit dieses Mediums zu unterschätzen.

In meiner Schul- und Studiumszeit, bin ich erstaunlicherweise selten mit der kritische Betrachtung von Karten konfrontiert worden. Vorrangig wurden technische Aspekte bei der Darstellung von Karten diskutiert.

Nur eine Karte?

Karten haben Einfluss auf unsere Weltsicht. Insbesondere deshalb, weil ihnen oft unterstellt wird, sie seien neutral oder faktisch. Sie sind zeit- und ortsgebunden und stehen in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext. Karten kennen keinen Konjunktiv, kein „falls“ und kein „aber“. Dies führt insgesamt dazu, dass Karten vielfach als „wahr“ und als Abbildungen einer bestimmten Wirklichkeit interpretiert werden. Dabei sind Karten eher Produzenten sozialer Wirklichkeiten als Spiegel faktischer Gegebenheiten.

Alle Karten spiegeln somit gesellschaftliche Grundannahmen wider. Sie sind subjektive Konstruktionen der Wirklichkeit, denen gesellschaftliche Konventionen zugrunde liegen. Ähnlich wie ein Text, besitzen Karten nicht nur eine bestimmte Kodierung, die interpretiert werden muss, sondern enthalten auch einen bunten Strauß an Botschaften und Ideologien, die seit jeher zur Manipulation genutzt wurden.

Zeig mir deine Karte und ich zeige dir deine Welt

In Bezug auf technische Grenzen, als auch auf die Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmung, können Karten kein Abbild der „Wirklichkeit“ darstellen. Das sollen sie auch nicht: sie dienen einer zielgerichteten Reduktion von Komplexität. Das ist ihre Stärke. Diese Reduktion impliziert gleichzeitig eine subjektive Auswahl des Dargestellten. Es werden Entscheidungen, ob und wie etwas dargestellt wird, gefällt. Diese Entscheidungen sind nicht wertfrei, sondern sind durch die individuelle Weltbilder der Ersteller der Karten, ob bewusst oder unbewusst, bestimmt.

Kartographen reproduzieren gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten. So ist ein Platz in teurer Lage wichtiger, als der Platz eines weniger attraktiven, ärmeren Stadtviertels – ein Parkplatz wichtiger als eine Streuobstwiese. Besonders thematische Karten eignen sich zur Propaganda. Bei thematischen Karten steht nicht die Darstellung der exakten geographischen Verhältnisse im Vordergrund, sondern die Kartendarstellung ist kombiniert mit Darstellungen zu bestimmten Themen, wie z.B. der Verteilung bestimmter Ethnien oder Verkehrsunfälle in einem Gebiet. Wenn auch nicht eindeutig, lässt eine solche Karte Rückschlüsse auf die Weltsicht des Erstellers zu.

BetrachterInnen von Karten sollten sich diesem konstruierten Charakter raumbezogener Visualisierungen bewusst sein. Sie laufen sonst Gefahr, Karten als neutral und damit als Fakt statt als interpretierte Daten wahrzunehmen und ihren Einfluss auf die Konstruktion von Weltbildern zu unterschätzen. Besonders dann, wenn politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge dargestellt werden. Beispielsweise ist die Wahl der Projektion einer Karte, keineswegs unproblematisch oder nur eine technische Frage. Sie hat weitreichende Konsequenzen auf die Perzeption von Bedeutungen.

Die Mercator-Projektion

Die sogenannte Mercator-Projektion wurde 1569 zur Navigation auf hoher See veröffentlicht. Sie ist weit verbreitet und prägt auch heute noch unser Bild der Welt. Die winkeltreue Zylinderprojektion stellt eine Vergrößerung der polnahen Gebiete dar. Sie eignet sich damit besonders zur Navigation. Die polnahen Verzerrungen können für die Navigation vernachlässigt werden. Allerdings ist die Verwendung in anderen Kontext dadurch problematisch, weil durch die Vergrößerung der Nordens ein neokolonialer Anspruch und der Eindruck von der Dominanz der Länder des „Westens“ entstehen kann.

Verstärkt durch die Verschiebung des Äquators vermittelt die Lage und Größe der Nordhemisphäre die Europazentrizität. Die vorliegende Weltkarte liegt in der Mercator-Projektion vor. Diese Projektion vermittelt einen eurozentrischen Blick und eine strukturelle Benachteiligung der Länder auf der Südhalbkugel. Es gibt auch keinen Grund, außer der Konvention von den Ländern der Nordhalbkugel, die Weltkarte mit der nördlichen Hemisphäre nach oben darzustellen. Auch an dieser Stelle wird der Ethnozentrismus des Kartographen sichtbar.

Nicht weniger richtig als andersrum – die Weltkarte als Mercator-Projektion von Süd nach Nord:

1280px-Mercator-projection

Gigantisches Grönland

Der gewählte Mittelpunkt und die Wahl der Karten-Projektion haben zur Folge, dass Deutschland in der Mitte der Karte liegt und die Größenverhältnisse der Landflächen zum Nachteil der Länder des Südens ausfallen. Grönland erscheint fast so groß, wie der gesamte afrikanische Kontinent. Dabei entspricht Grönlands Fläche etwa der Argentiniens und wird 14,5 mal größer dargestellt, als sie tatsächlich misst. Damit erweckt die Karte eine bewusste Verkleinerung der Länder des Südens, was einer Abqualifizierung eben dieser gleichkommt. In der Wahrnehmung von Karten entspricht die Fläche eines Landes ihrer Bedeutung. Kleinere Länder sind dementsprechend von geringerer Bedeutung.

Die aufgezeigten Verzerrungen der Länder prägen sogenannte „Mental Maps“. Mental Maps sind mental vereinfachte Repräsentationen von mehrdimensionaler komplexer Realität. Unser Hirn speichert unsere Umgebung nicht in einer tatsächlichen Karte ab, sondern nach Bedeutungen, die wir wir bestimmten Dingen beimessen. Deshalb ist die Projektion, Ausrichtung etc. einer Karte, stets auch auf ihre politische Aussage hin zu überprüfen.

Grönland-Afrika im Vergleich: links die Mercator-Projektion und rechts die flächentreue Abbildung

Links: Mercator-Projektion Rechts: Flächentreue Abbildung

Größenvergleich

Auf der Karte von Thetruesize.com können die Flächen von Staaten verschoben werden, sodass man Größen der Länder besser vergleichen kann. Eine weitere gelungene Darstellung ist Kai Krause „The True Size of Africa„. Krauses Karte zeigt die tatsächliche Größe Afrikas flächentreu an. Er führt neben den bekannten englischen Begriffen der „illiteracy“ und „innumeracy“ den treffenden Begriff “immappancy” ein, was mit einem kulturell, bildungs- oder psychisch bedingtes individuellem Defizit geographischen Wissens übersetzen werden könnte.

True-Size-of-Africa

Ein kritischer Blick auf Karten

Zur Kartenlesekompetenz zählt nicht nur das Verständnis zur Orientierung und die Deutung von Symbolen, sondern vor allem auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Karte als solche. Das fängt bei der Dekonstruktion informationeller Inhalte der Karte an und geht bis zum Aufdecken verborgener Intentionen. Vier Aspekte können bei der kritischen Arbeit mit Karten helfen:

  1. Hierarchien: Welche Rückschlüsse lassen sich von den kartographischen Zeichen und der Weise, wie sie verwendet werden, hinsichtlich ihrer Bedeutung auf Regeln von gesellschaftlichen Prozesse ziehen?
  2. Verlust: Was wird auf einer Karte nicht dargestellt, d. h. was wird verschwiegen?
  3. Geometrien: Welche Projektionen, welche Zentrierungen und welche Orientierungen werden genutzt?
  4. Symbolik und Zier: Wie tragen die Symbolik und Ausschmückungen (bspw. Titel, Farbgebrauch) zur Bedeutung einer Karte bei?

Die Quadratur der Kugel

Es ist grundsätzlich unmöglich die kugelförmige Erde fehlerfrei zweidimensional darzustellen. Jede Projektion enthält eine Verzerrung. Je nach Anwendungsgebiet und Intention wird eine Projektion gewählt, die entweder flächentreu, längentreu oder winkeltreu ist. Eine objektiv „richtige“ Karte gibt es demnach nicht, sondern nur angemessene Darstellungen.Die folgenden drei Karten zeigen, wie stark die roten Punkte in ihrer Fläche je nach Projektion verzerrt werden.

Quelle: (Eric Gaba, CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0, via Wikimedia Commons )

Peters-Projektion

Die Peters-Projektion ist eine alternative Projektion, die in den 1970er Jahren entwickelt wurde, um die tatsächlichen Größenverhältnisse der Länder des Südens gegenüber dem Rest der Welt abzubilden. Diese Karte eignet sich gut, um den ideologischen Charakter von Karten zu thematisieren. Peters kritisiert in scharfer Form, die für zahlreiche Weltkarten verwendete winkeltreue, aber flächenverzerrende Mercator-Projektion: „Dieses geographische Weltbild ist geeignet, die Selbstüberschätzung des weißen Mannes, besonders des Europäers, zu verewigen und die farbigen Völker im Bewusstsein ihrer Ohnmacht zu halten.“

Die Deutsche Gesellschaft für Kartographie (DGfK) veröffentlicht 1985 eine Stellungnahme in der Geographischen Rundschau und verwies auf die mathematische Unmöglichkeit eine dreidimensionalen Körper auf eine zweidimensionale Fläche projizieren zu können, jedoch ohne auf die berechtigten Vorwürfe Peters einzugehen. Auch heute noch begegne ich Ingenieuren, Informatikern und Kartographen, die dieser Problematik pragmatisch begegnen wollen und letztendlicher in die Sackgasse der technokratischer Intelligenz tappen.

Ein politisch-kartographischer Kompromiss

Wie kann eine passende Karte aussehen die kartographischen Ansprüchen genügt und gleichzeitig politisch korrekt ist? Die Entscheidung, welche Projektion zu wählen ist, sollte sorgfältig mit der Wahrnehmung eben dieser Form der Beeinflussung und mit dem Bewusstsein ihrer didaktischen Bedeutung geschehen. Ein Weg sind sogenannte „vermittelnde Karten“. Dazu zählen die Eckert-oder Wagner-Projektion. Die Eckart-Projektion stellt eine flächentreue Karte dar, welche die meisten Länder der Welt mit zu vernachlässigenden Fehlern darstellt. Eine weitere Alternative ist die Wagner-Karte. Sie bildet die größten Teile der Erdoberfläche flächentreu ab, die polnahen Gebiete sind dagegen etwas vergrößert dargestellt und die Form der Erde wird annähernd richtig dargestellt.

Während wir eine Karte erstellen, müssen wir auf viele Fragen eine Antwort finden. Was stellen wir dar und was nicht? Wie stellen wir es dar und wie nicht? Wie ordnen wir die Objekte auf der Karte an und wie nicht? All diese Entscheidungen verändert das Aussehen unserer Karte und damit die Art, wie Andere auf sie schauen und die Welt beeinflussen.

Es kann also nicht pauschal zwischen „richtigen“ und „falschen“ oder „wissenschaftlichen“ und „unwissenschaftlichen Karten“ unterschieden werden. Entscheidend ist zwar, ob eine Karte ihrem Verwendungskontext angemessen ist, aber wie jedes Medium erzählt sie auch immer eine weitere Geschichte.

Eine Mercator-Projektion hat ihre Berechtigung in ihrem Verwendungskontext (z.B. der Navigation). Eine Karte ist immer politisch und streitbar und kann daher niemals als reines „Abbild der Erdoberfläche“ verstanden werden, auch wenn diese Definition nicht nur auf Wikipedia, sondern auch in geographischen Fachlexika bis heute zu finden ist. Ein unterhaltsames Video zu diesem Thema habe ich auf YouTube aus der US-Drama Serie „The West Wing“ entdeckt.

P.S.: Im obersten Bild erkennen manche Betrachter Teile eines bekannten Gemäldes.

Damian Paderta
Damian Paderta

WebGeograph