Schädliche Hilfe und die Monetarisierung des Mitleids

Ist die Spende an humanitäre Organisationen nicht etwa ein Segen für alle, die direkt an ihr beteiligt sind, sowohl auf auf Geber- als auch auf Nehmerseite? Es werden enorme Bürokratien finanziert, Korruption, Vetternwirtschaft und Selbstgefälligkeit wird gefördert, Menschen zu Unselbständigkeit und zu Bettlern erzogen. So lauten die Vorwürfe, die nur schwer aus der Welt zu bringen sind.

Weiterhin, so der Vorwurf, werden lokalen Märkte, Kreativität und Unternehmergeist geschwächt. Ähnlich katastrophal, verhält es sich mit internationale Hilfsaktionen und Spendengeldern. Sie dienen nicht nur Menschen in Not, auch viele andere Interessengruppen profitieren davon. Die negative Auswirkungen von Hilfseinsätzen und Missbrauch von Spenden bzw. Hilfsgeldern, stellen den Sinn internationaler humanitärer Hilfe als auch die Entwicklungszusammenarbeit grundsätzlich in Frage.

Kann Spenden Sünde sein?

In Deutschland existieren über 500.000 eingetragene Vereine und etwa 19.000 Stiftungen bürgerlichen Rechts. Die meisten davon sind gemeinnützig. Ebenso gibt es in Deutschland einen riesigen Spendenmarkt. Hier werden bis zu 8,7 Milliarden Euro von Privaten gespendet, hauptsächlich an Projekte für Kinder, kirchliche Zwecke sowie die Not- und Katastrophenhilfe.  Ein großer Teil dieser Organisationen finanzieren sich von Spendengeldern. Knapp 75% der Spenden gelangen in humanitäre Hilfe.

Alle wollen irgendwie „helfen“

Die humanitäre Hilfe kann häufig nur durch den Zeithorizont von der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (ehemals Entwicklungshilfe) unterschieden werden. Humanitäre Hilfe ist i.d.R. auf einen kürzeren Zeitraum ausgelegt, um Opfern von Natur-, Hungerskatastrophen, Kriegen etc. umgehend mit dem Nötigsten zu versorgen und Leben zu retten. Entwicklungszusammenarbeit hingegen schließt oftmals an die erste Nothilfe an und ist auf einen langen Zeitraum, sowie auf strukturellem Aufbau eines Landes angelegt. Kann die Geschichte der (postkolonialen) Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe in der Summe als gescheitert betrachtet werden?

Ethik humanitärer Hilfe

Die humanitären Grundprinzipien lauten: Hilfe für Menschen in Krisensituationen muss unparteilich und neutral sein. Den Notleidenden, egal um wen es sich handelt und unabhängig von den Konsequenzen der Hilfeleistung, muss geholfen werden. Die Hilfe muss ebenfalls uneigennützig erfolgen. Diese Konzept geht auf den Schweizer Henri Dunant zurück. Er gründete das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und entwickelte einen ethischen Kodex, dem heute alle humanitären Hilfsorganisationen verpflichtet sind.

Diese humanitären Prinzipien finden sich seit 2006 auch in den Genfer Konventionen und sind in 194 Ländern der Welt anerkannt. Anders als es auf den ersten Blick erscheint, sind sie keinesfalls so eindeutig und einfach zu befolgen. Die Befolgung dieser klaren ethische Grundsätzen, führt oft zu moralischen Konflikten. Die komplexe Arbeit vieler moderner Hilfsorganisationen weicht deshalb immer öfter von den ursprünglichen ethischen Grundsätzen ab.

Umkämpfter Spendenmarkt

Der Markt um die Spendengelder ist heiß umkämpft. Viele Hilfsorganisationen konkurrieren um die Gunst der Spender. Mittlerweile existieren über 37.000 Organisationen im Bereich der Internationalen Hilfe. Sie spekulieren teilweise mit dem Mitleid der Spender. Selbstverständlich wollen alle helfen, aber vor allem auch: erfolgreiche Projekte abschließen. In erster Linie sind sie Unternehmer, die durch Hilfsprojekte Geld verdienen (müssen).

Sie müssen laufende Kosten decken und nicht zuletzt stehen auch andere Motive ihrer Arbeit im Vordergrund: Diese können neben Prestige und Ansehen, auch berufliche oder finanzielle Motive sein. Um Erfolge zu kommunizieren, werden große Summen in PR-Kampagnen investiert. Es werden Giveaways und Merchandising-Artikel produziert, um die eigene Marke in den Vordergrund zu stellen.

PR-Teams reisen in die Gebiete um Fotos zu schießen und eine Story einzufangen. Denn ohne diese Bilder funktioniert die Spendenmaschinerie kaum, wie im Jahr 2008 in Myanmar zu sehen war, als es Fotografen verboten wurde ins Land zu reisen und Bilder zu machen. Die Folge: es wurde trotz Wissens um die Tragödie kaum gespendet. Die Höhe der Spenden ist also unmittelbar an die mediale Darstellung und an spektakuläre Bilder gebunden.

Ein gewöhnliches Geschäft

Dieser betriebswirtschaftlichen Logik folgen auch die Hilfsorganisationen und entscheiden sich für das Spektakel, was sich besser vermarkten lässt und picken sich eben diese Rosinen heraus. Die Hilfe hängt als nicht etwa davon ab, wer wie sehr in Not ist, sondern wer wie viel Potenzial bietet, die Spender in den Geberländer zu beeindrucken.

Im Gegensatz zu Naturkatastrophen, in denen die Opfer in der Regel mehr Geld erhalten (2004 – Tsunami in Südostasien: 1200 $ pro Kopf), haben es Menschen aus Bürgerkriegsregionen schwerer an Hilfe zu kommen (2004 – Bürgerkrieg/Hunger im Kongo: 0 $). Viele haben sich an die Bilder von Bürgerkriegen in Afrika gewöhnt und schreiben den Opfern eine gewisse Mitschuld zu. Naturkatastrophen scheinen dagegen jeden treffen zu können. Hier ist die Hilfsbereitschaft besonders groß.

Bilder und Geschichten von bisher unbekannten Leid entfalten auf die Spendenbereitschaft eine größere Wirkung als stille Leiden, die schwieriger in Szene zu setzen sind. Dieser Kampf im Wettbewerb um Aufmerksamkeit, wird nicht zuletzt auch von den Opfern selber geführt, um aus der Masse der Opfer herauszustechen und die Sympathie der potenziellen Geber zu gewinnen.

Qualitätskontrolle?

Die Qualität von Hilfeleistungen wird durch kein Gesetz kontrolliert. Jeder kann helfen. Jeder kann ein humanitärer Helfer werden. Das scheint im ersten Augenblick auch gut so. Doch besonders die MONGOs (My Own NGO) können sehr problematisch sein. Es sind individuelle Wohltätigkeitsvereine oder Privatpersonen, die sich für persönliche Hilfsprojekte wohlwollend engagieren und nicht selten unerwünschte oder nutzlose Dienste oder Waren schenken.

Abgelaufene Medikamente, unbrauchbare Kleidung (Pelzmäntel für die Tropen oder Lumpen), Hausrat der es bisher nicht in die Mülltonne geschafft hat, landet großzügig in den Sammlung von Hilfsorganisationen. Nicht zuletzt bei den Helfern im Zusammenhang der Flüchtlingshilfe in Deutschland, die solche „Abfälle“ containerweise erhielten und damit zusätzlichen Aufwand hatten.

Den Spendern bleibt die „gute Tat“ in der Erinnerung. Die negativen Folgen dieser Aktionen treten nicht ins Rampenlicht. Es gibt weder eine Garantie für die Qualität von humanitärer Hilfe, noch setzt sich jemand für die Einhaltung von moralischen Grundsätzen und humanitären Prinzipien ein.

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Ein heikles Thema

Spendengalen und andere Charity-Veranstaltungen werden hinsichtlich der Kosten-Nutzen kaum kritisiert. Presse, Politik, Wirtschaft, NGOs und Prominenz feiern ihren zur Schau gestellten Altruismus. Da werden gerne beide Augen zugedrückt. Zu groß ist der Benefit für alle Teilnehmenden. Kritik verdirbt das Spiel.

Der Gedanken der Charity oder Wohltätigkeit fördert und erhält ein System der Subalternität. Oder wie es Johann Heinrich Pestalozzi treffend formulierte: „Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade.“ Statt Systemkritik und die Änderungen von politisch-gesellschaftlichen Strukturen anzugehen, wird beispielsweise Armut als ein Defizit von Gütern betrachtet. Der materielle Ausgleich dieses Defizits scheint die Lösung des Problems darzustellen.

Die Subventionen der europäischen Agrarpolitik ruinieren beispielsweise in den sogenannten Entwicklungsländern des Südens kleine Bauern. Profiteur dieses „Exportschlagers Hunger“ gewinnen auf ganzer Linie: Zuerst streichen sie die Gewinne ein und können sich daraufhin als großzügige Spender aufführen. Auf diesen Ablasshandel gehen die meisten humanitären Organisationen aufgrund ihrer finanziellen Abhängigkeit mehr oder weniger zähneknirschend ein.

Kaum jemand traut sich diese Hilfsbereitschaft zu kritisieren. Ich persönlich kenne Helfer, die ihre Dienste gegen eine christliche Unterweisung anbieten. Sie bieten ihre Hilfe ausschließlich im Zusammenhang mit einer christlichen Missionierung an und verstoßen damit massiv gegen die humanitäre Idee der Neutralität und Uneigennützigkeit. Es ist in der Tat nicht einfach, klar zu machen, dass manche Hilfe mehr Schaden anrichtet, als dass sie tatsächlich den Notleidenden hilft. Manche gut gemeinte helfende Hand hilft, wenn überhaupt, sich selber.

Spenden können verkehrt nicht sein?

Nicht wenige Hilfsprojekte sind für die Opfer eher schädlich als hilfreich. Teilweise werden sie dazu benutzt, um Spender anzulocken. Die negativen Konsequenzen der PR-Aktion werden kaum in Betracht gezogen. Um für besonders viel Mitleid zu sorgen, wurden in Sierra Leone Menschen die ihre Gliedmaßen im Bürgerkrieg verloren hatten, in einem speziellen dafür eingerichteten Lager versammelt, um sie stundenlang ohne Prothesen herumlaufen zu lassen. Ihre Stümpfe besaßen in der Verwertungslogik medial vermittelten Leids eine große Wirkung. Überall dort, wo karriereorientierte Helfer besonders gut vermarktbare Bilder vermuten, treten diese Situationen auf. Die perfekte Inszenierung des Leids scheint wichtiger als die tatsächliche Hilfe.

Poverty Porn

Die Nachrichten von Naturkatastrophen und Konflikten sind ein auf das westliche (Spender-) Auge zugeschnittenes Bild der Geschehnisse. Informationen über die Arbeit von Hilfsorganisationen werden interessengeleitet an die Medien weitergegeben. Im Fokus stehen vorwiegend Darstellungen menschlichen Leids und seltener die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen der Krisenregion.

Hilfsorganisationen schicken eigene Journalisten in die Krisengebiete, um Material für PR-Kampagnen zu sammeln. Ziel dieser Einsätze ist nicht, ein möglichst vielschichtige Perspektive auf die Lage zu erhalten und Hintergründe auszuleuchten, sondern vornehmlich Bilder einzufangen, die ein hohes Maß an Leid einfangen (poverty porn) um damit die Spendenbereitschaft zu erhöhen. Praktiken, die die Fakten solange zurechtbiegen, bis sie ins Bild des gewünschten Narratives passen, stellen keine Ausnahme dar. Regelmäßig werden die Zahlen von Hungernden und Toten extrem übertrieben, um die Sensation aufrecht zu erhalten. Bevorzugt werden dazu Bilder von Kindern und Frauen verwendet.

Selbstbedienung und fragliche Deals

Jedem Notleidenden, um jeden Preis zu helfen, ist ein Grundsatz humanitärer Hilfsorganisationen. Häufig kommt es bei Hilfslieferungen in Krisengebiete dazu, dass sich die kriegführenden Parteien oder die Regierenden an diesen Spenden bedienen. Um die Hilfe nicht aufs Spiel zu setzen, wird dies von den Helfern toleriert. Militärführer planen die Lieferungen, die originär an Hilfsbedürftige gerichtet sind, bereits fest in die eigenen Operationen mit ein. Das bedeutet, dass unter diesen Umständen die Hilfslieferungen manchen Kriege ungewollt verlängern.

Eine Einreise in Konfliktgebiete ist ohne Absprache mit den dort herrschenden und bewaffneten Kräften kaum möglich. Diese Verhandlungen führen dazu, dass plötzlich Zölle anfallen oder sonstige Abgaben an die Verantwortlichen gezahlt werden müssen. Es liegt auch nahe, dass diese Zahlung unmittelbare in den herrschenden Krieg einfließen und als verlässliche Einnahmequelle dienen, solange die Spendenbereitschaft anhält.

Auf einem zweiten Weg landen die Hilfsgüter in den Kriegskassen der kriegsführenden Parteien: fast die Hälfte aller Hilfsprojekte werden von bewaffneten Gruppen gestohlen und gegen Waffen getauscht oder zur Versorgung der eigenen Soldaten verwendet. In manchen Flüchtlingslagern tarnen sich Soldaten, um von den humanitären Helfern für den weiteren Kampf gepflegt zu werden. Diese machen oft ein Fünftel der Anwesenden in den Lagern aus.

Ein gutes Leben im schlechten

Doch nicht nur Kriegsparteien greifen in die Kassen und Lieferungen der Hilfsorganisationen: ein luxuriöses Leben mancher humanitärer Helfer wird auf Firmenkosten finanziert. Urlaubsreisen, teure Dinnerpartys, Sondergehälter und Zuschläge für den Einsatz in besonders gefährliche Gebiete. Das Management fliegt Business Class und fahren unnötige teure Geländewagen, deren Spritkosten so hoch sind, wie der Bau eines Waisenhauses.

Die Infrastruktur von Flüchtlingscamps richtet sich nach dem Bedarf dieser Angestellten aus: exklusive Restaurants und Bordelle suchen die Nähe größter Armut. Bevor es Schulen und Krankenhäuser in Kabul gab, wurden Einrichtungen für das Nachtleben und Freizeit der Helfer eingerichtet. Deren Wohl stand auf der höchsten Proritätsstufe.

Dabei ist die ungerechte Verteilung von Spendengeldern nur ein Aspekt. Die Folgen der Anwesenheit wie z.B. der Anstieg der Prostitution und Mietpreissteigerungen rund um die von den Helfern bewohnten Gebiete, haben negative Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Diese können größer Schaden anrichten, als die die tatsächliche geleistete Hilfe.

Gelder verpuffen nicht  – sie finden andere Abnehmer

Ein großer Teil der Spendengelder kommt nicht einmal in den Empfängerländern an. Mehr als die Hälfte der Gelder unterstützt in vielfältiger Weise Strukturen des Geberlandes; sie versickern in den enormen bürokratischen Vorgängen wie Meetings, Visa- und Sondergenehmigungen, externen Beratern und Fachleuten.

Statt die lokale Wirtschaft zu stärken, wird das Geld, z.B. beim Wiederaufbau, unmittelbar in Güter investiert. Eine nachhaltige Entwicklung der betroffenen Region wird nicht verfolgt. Firmen aus den Geberländern erhalten Aufträge, die in den Ländern vor Ort wesentlich günstiger wären und gleichzeitig einen positiven Effekt auf die lokale Wirtschaft hätten.

Im Irak wurden, anstatt irakischen Unternehmen Arbeit zu geben, amerikanische Firmen damit beauftragt, die zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen. Die Einbindung lokaler Kräfte findet selten statt. Die Einheimischen führen Dienste aus die weniger lukrativ oder streng weisungsgebunden sind.

Die Praxis dieser Hilfsorganisationen führt dazu, dass die Krisengebiete langfristig wettbewerbsunfähig bleiben, sich kaum entwickeln und damit auf weitere Hilfe angewiesen sind. Zynisch ausgedrückt praktizieren sie eine Art erfolgreicher Kundenbindung und sorgen für den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes.

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Arbeit ohne gezielte Wirkung

Angesichts dieser fataler Mängel in der Arbeit von internationalen Hilfsorganisationen stellt sich die Frage ob Sanktionen für unterlaufener Fehler der richtige Weg sein könnten. Selbst die größten Hilfsorganisationen erhalten Geld für Projekte, die nie umgesetzt wurden, ohne dass sie dafür Rechenschaft ablegen müssten.

Viele dieser kostspieligen Fehler wie vollkommen nutzlose Straßen in Afghanistan werden nicht publik, da man befürchtet, dass dies ein schlechtes Licht auf die gesamte Branche werfen würde und sich bei den Spendern bzw. Geldgebern das verspürte Mitleid zu Enttäuschung wandelt, was letztlich in der Einstellung der Hilfsgelder münden würde.

Die korrekte Verwendung und der Umgang von öffentlichen Geldern unterliegt einer Kontrolle. Bei Hilfsorganisationen fehlt diese externe Instanz völlig. Um die Gunst der Geberländer und der kriegsführenden Parteien nicht zu verlieren, werden Misstände lieber verschleiert und verschwiegen, statt vereint mit anderen betroffenen Hilfsorganisationen für mehr Transparenz zu sorgen. Das Image der humanitären Hilfe wird somit als wichtiger angesehen, als die tatsächlichen Grundsätze.

Noch nie wurde ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisationen wegen der Zusammenarbeit mit einem Menschenschlächter angeklagt. Doch auch humanitäre Helfer müssen bei Fehlern zur Verantwortung gezogen werden. Nicht zuletzt, um diejenigen Helfer zu schützen, die ihren Job redlich machen.

Auch wenn es dem Pathos des Philanthropen widerspricht: Kritik, Transparenz und eine öffentliche Aufmerksamkeit, können den Missbrauch von Spenden einschränken. Nicht weniger als das gesamte Konzept humanitärer Arbeit muss auf den Prüfstand gestellt werden. Doch so einfach ist es nicht.

Das Dilemma humanitärer Hilfe

Der humanitärer Helfer steht vor einem Dilemma: Soll er die Hilfe aufgeben und den Notleidenden sich selbst überlassen, wenn sich durch die Hilfe eine Verlängerungen des Krieges abzeichnet? Oder ist es moralisch betrachtet besser, jedem Menschen zu helfen, selbst wenn dadurch neues Leid provoziert wird?

Einerseits soll nach einem ethischen Grundsatzkatalog gehandelt werden und gleichzeitig kann kein Verbrechen an den Menschenrechten toleriert werden. Dieses Paradox macht deutlich, dass der humanitäre Kodex kaum einzuhalten ist. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September ist die politische Neutralität, ebenfalls eine kaum einzuhaltende Prämisse. Die profitable Industrie, die sich um die Hilfsorganisationen gebildet hat, macht den Grundsatz nur der Hilfe wegen zu helfen, nicht haltbar.

Richtig helfen ist schwierig

Manchmal richten Menschen mit den besten Absichten mehr Schaden an als Gutes zu bewirken. Meist dann, wenn kostenlose Hilfe wahllos angeboten wird. Damit Hilfe nicht mehr schadet als bewirkt und schlußendlich denen in die Hände spielt, die im wirtschaftstheoretischem Gewand ihre sozialdarwinistische und menschenverachtende Logik von Haben und Sein, Hilfsprojekte auf das Allernötigste reduziert sehen wollen, braucht es nachvollziehbare Standards.

Fehlende Transparenz

Angesichts fehlender Kontrollmechanismen und mangelnder öffentlicher Aufmerksamkeit, werden Geldverschwendung, Vetternwirtschaft, Korruption und fatale Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft durch mangelhaft durchgeführter Projekte, auch in Zukunft zur Normalität international agierender Hilfsorganisationen gehören.

Da drängt sich die Frage auf: Wären so manche Regionen dieser Welt ohne die humanitären Hilfsorganisationen nicht besser aufgestellt als heute? Und: Sollte das komplette Modell der internationalen Hilfe nicht grundsätzlich in Frage gestellt und radikal verändert werden? Oder gibt es noch einen anderen, pragmatischeren Weg?

Wirkungsmessung als Ausweg?

Gemeinnützige Organisationen eint ein Ziel: sie möchten eine größtmögliche Wirkung mit ihrem Handeln erzielen. Doch was bedeutet Wirkung? Wie lassen sich die eingesetzte Ressourcen, die durchgeführte Maßnahmen, die erbrachte Leistungen und die erzielten Wirkungen voneinander abgrenzen? Bei gemeinnütziger Arbeit wird dann von Wirkung gesprochen wenn eine Maßnahme zu Veränderungen bei der Zielgruppe oder deren Lebensumfeld führt.

Das Modell der Wirkungstreppe veranschaulicht die verschiedenen Stufen, die Wirkung erreichen kann:

  1. Aktivitäten finden wie geplant statt
  2. Zielgruppen werden erreicht
  3. Zielgruppen akzeptieren Angebote
  4. Zielgruppen verändern ihre Fähigkeiten
  5. Zielgruppen ändern ihr Handeln
  6. Lebenslage der Zielgruppen ändert sich
  7. Gesellschaft verändert sich

Spendenorganisationen machen es ihren SpenderInnen häufig nicht leicht, an Informationen zur Wirkung zu gelangen. Dabei ist Wirkungstransparenz ein zunehmend geläufiger Begriff in der Branche.

Wirkungstransparenz und Wirkungsorientierung

Wirkungstransparenz bedeutet, neben den reinen Zahlen, auch Informationen darüber bereitzustellen, welche Projekte umgesetzt und was mit diesen Aktivitäten bewirkt wurde bzw. nicht. Was ist die langfristige Vision der Organisation? Welche Strategie steht hinter ihren Projekten? Welche Veränderungen wurden bei den Zielgruppen erreicht und wie wurden diese festgestellt?

Wenn eine Organisation, die transparent über ihre Ziele, Visionen und Strategien berichtet, dann bedeutet dass möglicherweise auch, dass sie sich intensiv mit ihrer Wirksamkeit beschäftigt. Man kann ebenfalls davon ausgehen, dass Spendenorganisationen, die transparent berichten, in ihrer Projektarbeit tatsächlich besonders wirkungsorientiert arbeiten. Organisationen die wirkungsorientiert arbeiten sind am ehesten im Stande, mit den Spendengeldern tatsächlich positive Veränderungen für ihre Zielgruppen auf gesellschaftlicher Ebene zu erzielen.

Wirkungstransparenz und Wirkungsorientierung sind deshalb eng miteinander verbunden. Nur derjenige, der seine Ziele kennt, kann sie auch erreichen. Eine wesentliche Voraussetzungen für Wirkung ist es, seine Ziele konkret zu formulieren und eine Vision zu haben, die mit einer Strategie verbunden ist.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit befasst sich seit Jahren mit diesem Thema. Dennoch sieht es in Sachen Transparenz in der Entwicklungszusammenarbeit nicht so gut aus. Deutschland liegt noch immer weit hinter den Klassenbesten zurück. Es gibt aber auch gute Ansätze für mehr Transparenz in internationalen Hilfsorganisationen wie die International Aid Transparency Initiative. Der AID TRANSPARENCY INDEX Index untersucht anhand von 39 Indikatoren, wie transparent Geberländer und -organisationen über die Finanzierung, Planung und Umsetzung ihrer Entwicklungsprojekte informieren.

Die richtigen Schlußfolgerungen ziehen

Der Text richtet sich nicht gegen Mitgefühl. Die Notlage anderer Menschen zu erkennen und sich in der Verantwortung zu fühlen, ist eine gute, wenn nicht die beste Eigenschaft des Menschen. Es braucht viel mehr davon. Gleichzeitig muss aber dafür sorgen, dass Mitgefühl nicht missbraucht wird. Das Engagement für eine bessere Welt sollte nicht ab- sondern zunehmen. Spenden an konstruktive Organisationen bleiben neben Demonstrationen, Wahlentscheidungen, Projektmitarbeit etc. sinnvoll.

Bevor man aber spendet, sollte man sich bewusst machen wofür, für wen und an wen man spendet. Wenn Zweifel über die indirekten Folgen von Hilfe bestehen, sollte man lieber in ein transparenteres und „sicheres“Projekt investieren. Das bedeutet, dass Spenden an große Töpfe schwierig sind, weil die Maßnahmen die dadurch finanziert werden sollen unübersichtlich werden können. Es macht als durchaus Sinn, kleinere Projekte gezielt unterstützen, deren Verantwortliche man vielleicht sogar persönlich kennt.

Ein anderer Weg sind Bewertungsportal vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen. Dieses überprüft das Geschäftsgebaren von Hilfsorganisationen und vergibt Spendensiegel.

Eine Splittung des eingesetzten Budgets macht Sinn: ein Teil der Spende geht zur Linderung unmittelbarer Not, der andere Teil für die Organisationen, die strategisch für den Aufbau einer gerechteren Wirtschaftsordnung kämpfen. Es geht vor allem auch darum, nicht nur den Armen Geld geben, sondern Strategien zu entwickeln, damit ihnen in Zukunft nicht mehr viel genommen wird.

Eins liegt auf der Hand: Wer an Weihnachten 50 € an „Brot für die Welt“ spendet und mit seinen restlichen finanziellen Mitteln, Banken und Großkonzerne durch sein Konsum- und Wahlverhalten unterstützt, hilft nicht den Hungernden, sondern stabilisiert ein ungerechtes und menschenverachtendes Wirtschaftssystem.

Damian Paderta
Damian Paderta

WebGeograph