Schwächen von privacy-freundlichen Emailanbietern

Schwächen von privacy-freundlichen Emailanbietern

Durch die Veröffentlichungen von Snowden/Greenwald sind viele hochmotivierte IT-Aktivisten angefeuert, neue Ideen und Konzepte für Privacy-freundliche Dienste zu entwickeln. Die E-Mail Dienste ProtonMail (Schweiz), unseen.is (Island) Lavaboom (Deutschland) und Tutanota (Deutschland), als einziger der vier vorgestellten Anbieter mit quelloffenen Code,  möchte ich kurz vorstellen.
Diese E-Mail Dienste stellen einfache Benutzbarkeit von Verschlüsselung („DAU-kompatibel“ im Nerd-Slang) sowie Kompatibilität mit den gängigen E-Mail Protokollen in den Vordergrund und bemühen sich, im Rahmen der Möglichkeiten, um maximalen Schutz gegen staatlichen Zugriff.
Das Schreiben und Lesen von E-Mails erfolgt ausschließlich im Webinterface im Browser. Das ermöglicht eine einfach nutzbare Verschlüsselung der Inhalte der Kommunikation mit einer Krypto-Implementierung in Javascript im Webinterface des Browsers.
Die Daten werden verschlüsselt auf den Servern abgelegt. die Betreiber werben damit, dass sie keinen Zugriff auf den Klartext der Kommunikation haben. Die Kommunikation mit Partnern innerhalb des Dienstes ist automatisch Ende-zu-Ende verschlüsselt. Bei der Kommunikation mit Nutzern anderer E-Mail Provider ist Verschlüsselung möglich, aber nicht immer automatisch.

Schwachstellen der Dienste

Konzeptionell bedingt haben diese E-Mail Dienste einige Schwächen, die man kennen sollte:

  • Server-basierte Kryptografie wie bei den ersten Versionen von CryptoCat sowieProtonMail, unseen.is und Lavaboom implementiert, ist für hohe Sicherheitsansprüche politischer Aktivisten o.ä. nicht geeignet. Patrick Ball hat es in einem Essay bei Wired.comausführlich dargelegt. Die Betreiber der Server können die Crypto jederzeit unbemerkt kompromittieren.
  • Die alternative Nutzung starker Kryptografie wie OpenPGP oder S/MIME ist mit diesen diesen Diensten NICHT möglich, auch wenn der Kommunikationspartner einen Public Key bereitstellt und technisch dazu in Lage wäre.
  • Javascript ist für die Implementierung starker Kryptografie nur bedingt geeignet
  • Webanwendungen bieten viel mehr Angriffsmöglichkeiten als lokale Tools zur Verschlüsselung. Thomas Roth demonstriert in dem Video Hacking protonmail – with a browser, wie man die Verschlüsselung von ProtonMail mit einem Browser und einfachen XSS-Hacks angreifen konnte.
  • Beide Dienste wollen kompatibel mit dem gängigen E-Mail Protokoll sein und können somit Metadaten der Kommunikation NICHT schützen. Diese Dienste bieten keine „zero knowledge privacy“, wie ein Artikel bei RT.com über Lavaboom behauptet.

Es gibt Lösungen für asynchrone Kommunikation mit Text-Nachrichten (sozusagen: E-Mail ähnlich), die wirklich „zero knowledge privacy“ bieten. State-of-the-Art auf diesem Gebiet sind z.B. I2P-Bote oder POND. Die Nutzung dieser Dienste ist aber wesentlich komplizierter.

Schlussfolgerung

ProtonMail, unseen.is, Lavaboom und Tutanota bieten viele Vorteile für Normalanwender, die Ihre E-Mails bisher im Webinterface von GMail, Yahoo! oder Hotmail bearbeiten. Sie sind allerdings nicht State-of-Art im Bereich anonyme, unbeobachtete Kommunikation und die Verschlüsselung bietet nicht die gleiche Sicherheit lokal installierter Tools wie z.B. GnuPG. Man sollte die Grenzen kennen und diese Dienste entsprechend nutzen.  ProtonMail, unseen.is, Lavaboom und Tutanota kann man nicht als Snake Oil bezeichnen, aber an dieser Stelle soll vor übertriebenen Erwartungen gewarnt werden, wie sie in der Werbung als universelle Heilversprechen suggeriert werden.

Damian Paderta
Damian Paderta
Webgeograph & Digitalberater