Versprechen ist ehrlich – Halten beschwerlich

Versprechen ist ehrlich - Halten beschwerlich

Zufällig traf ich gestern eine Freundin in der Stadt. Wir waren beide in Eile und hatten nicht genug Zeit für ein längeres Gespräch. Schnell musste jeder in seine Richtung weiter. Ich habe ihr versprochen, dass wir abends beim Inder essen gehen würden. Später fiel mir ein, dass ich noch viele wichtige Dinge zu erledigen hatte. Mein Kühlschrank war leer und ein Text wollte redigiert werden. Arbeit. Trotzdem fühlte ich mich verpflichtet, mein Versprechen einzuhalten.

Versprechen geben wir fast täglich. Nicht immer können oder wollen wir das Versprochene auch einlösen. Für die großen Denker und Staatstheoretiker Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau bilden Versprechen die Grundlage eines Staates, dessen Existenz über das Modell eines Vertrages zwischen Herrschern und Bevölkerung erklärt wird. Ich denke jedoch, dass es ihr gleichgültig ist, was diese Menschen darunter verstanden haben. Aber warum versprechen wir überhaupt etwas? Wie entsteht dieses Gefühl der Verpflichtung? Wieso sollen wir eigentlich unsere Versprechen halten? Schließlich kann uns niemand dazu zwingen.

Es gibt kein explizites Gesetz was mir vorschreibt, dass ich mein Versprechen tatsächlich halten muss. Wenn ich mein Versprechen breche, komme ich weder ins Gefängnis noch muss ich eine Strafe zahlen. Es kann viele Gründe geben ein Versprechen nicht einzuhalten. Wie zum Beispiel das Versprechen mit meiner Freundin essen zu gehen. Ich könnte krank werden oder aber auch im Nachhinein feststellen, dass es vielleicht keine gute Idee ist mit ihr Zeit zu verbringen. In diesem Fall würde ich wollen, dass sie für mein gebrochenes Versprechen Verständnis zeigt. Versprechen sind keine verbindlichen Verträge, deren Einhaltung ich gerichtlich einklagen kann. Es gibt keine Garantie dafür, dass sie gehalten werden müssen. Trotzdem scheint es aber eine Art Verpflichtungsgefühl zu geben, seine Versprechen einzuhalten. Besonders dann, wenn es keinen zwingenden Grund gibt, der das Einlösen verhindert. Würde ich meiner Freundin heute aus schierer Faulheit nun doch absagen, hätte ich ein wohl ein ziemlich schlechtes Gewissen.

Wieso ist das so? Eine einfache Antwort könnte lauten, dass jeder Mensch dies grundsätzlich tut, um seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Die Pflicht ein Versprechen zu halten, kann als gesellschaftliche Konvention verstanden werden, die das Zusammenleben erleichtert. Wer sein Versprechen mit Absicht bricht, muss damit rechnen, dass seine Mitmenschen ihn kritisieren. Bei zu vielen Brüchen wird niemand mehr bereit sein ihm Vertrauen und Glauben zu schenken. Wir fürchten uns vor diesen Sanktionen.

Möglicherweise weiß ich aber, dass sie sich über eine Absage nicht weiter aufregen würde. Niemand anderes weiß von diesem Versprechen. Jedoch wäre es auch möglich, einfach die Vor- und Nachteile des gebrochenen Versprechens gegeneinander abzuwägen und dann zu entscheiden, dass ich mit den Konsequenzen ganz gut leben kann. Das schlechte Gewissen wäre aber wahrscheinlich immer noch da. Eine bessere Erklärung dafür, warum wir uns zum Halten unserer Versprechen verpflichtet fühlen, ist die Absicht unserem Gegenüber etwas Gutes tun zu wollen. Meine Freundin möchte sich mit mir treffen, deshalb hat sie mich gefragt und ich habe es ihr versprochen, weil ich ihre Bitte erfüllen möchte. Ein Versprechen gebe ich, wenn ich einem anderen Gegenüber in der Verantwortung stehe.

Jemand bittet mich darum, etwas zu tun und ich gebe ihm ein Versprechen, dass ich es tatsächlich tun werde. Der Empfänger des Versprechens schenkt mir im Gegenzug sein Vertrauen. Gleichzeitig kann er aber nie völlig sicher sein, dass ich sein Vertrauen nicht doch missbrauche. Erst der Vertrauensvorschuss macht das Versprechen überhaupt möglich. Wenn ein Versprechen nicht angenommen wird, ist es kein richtiges Versprechen. Wenn der Empfänger nicht mit dem Einlösen rechnet, besteht auch keine Pflicht.

Versprechen sind wechselseitige Beziehungen, in denen jeder zugleich Geber und Empfänger ist. Sie schenkt mir ihr Vertrauen, obwohl sie sich nicht sicher sein kann, dass ich es wirklich verdiene. Ich gebe ihr mein Versprechen, damit ich sie als meine Freundin, die ich wertschätze und achte, nicht enttäusche. Gleichzeitig habe ich aber immer die Freiheit meine Versprechen zu brechen. Wenn ich sie einhalte, erkenne ich mich selbst an. Ich erkenne mich als jemanden an, der Verantwortung übernehmen kann und vertrauenswürdig ist.

Damian Paderta
Damian Paderta
Webgeograph & Digitalberater