Es ist mittlerweile das dritte Mal, dass wir dieses Projekt gemeinsam realisiert haben – nach den Durchläufen in den Jahren 2015 und 2020 war es uns auch für die Wahl am 14. September 2025 ein echtes Herzensanliegen. Wir, das sind Michael Lobeck und ich. Wir haben den bonn-o-mat in die Welt gesetzt. In diesem Artikel möchte ich nachträglich das Wichtigste zusammentragen, was in diesem Projekt wichtig ist und war.
Was der bonn-o-mat ist und was nicht
Der bonn-o-mat ist ein Wahlpositionsvergleichswerkzeug. Das klingt sperrig, meint aber etwas Einfaches: Wer ihn nutzt, positioniert sich zu 30 kommunalpolitischen Thesen – stimme zu, neutral, stimme nicht zu – und sieht anschließend, mit welchen Parteien und Wahlbündnissen seine Positionen am stärksten übereinstimmen. Ein Algorithmus berechnet die Nähe, das Ergebnis erscheint als Prozentwert.
In der Forschungsliteratur heißen solche Werkzeuge Voting Advice Applications (VAAs). Der bekannteste in Deutschland ist der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung, der zur Bundestagswahl 2021 über 21 Millionen Mal genutzt wurde. Der bonn-o-mat folgt derselben Grundlogik – aber er ist kein institutionelles Angebot, er stammt aus der Zivilgesellschaft bzw. aus dem bürgerschaftlichen Ehrenamt.
Der bonn-o-mat gibt keine Wahlempfehlung. Das ist kein formaler Disclaimer, sondern eine inhaltliche Haltung. Er bietet Orientierung, keinen Abschluss. Wer ihn nutzt und danach kein Parteiprogramm liest, kein Gespräch führt, keine weitere Quelle hinzuzieht, hat ihn nicht vollständig genutzt.
Warum es ihn gibt
Die Bundeszentrale für politische Bildung konzentriert ihre Ressourcen auf Bundes-, Europa- und Landtagswahlen. Das ist nachvollziehbar: Für tausende Kommunen individuelle Wahlhilfen zu entwickeln, wäre kaum zu bewältigen. Das Ergebnis ist trotzdem eine merkwürdige Asymmetrie: Je näher die politische Ebene am Alltag der Menschen liegt – je konkreter die Entscheidungen über Kitas, Straßenbahnlinien, Schwimmbäder, Radwege – desto schlechter ist sie mit Instrumenten der politischen Bildung ausgestattet.
Diese Lücke ist nicht dramatisch, aber sie ist real. Kommunalwahlen haben strukturell niedrigere Wahlbeteiligung als Bundestagswahlen, nicht weil die lokale Ebene unwichtig ist, sondern weil das Informationsangebot dünner ist, die Sichtbarkeit von Kandidaturen und Parteipositionen geringer, die Anschlusskommunikation seltener.
Der bonn-o-mat ist unsere Antwort auf diese Lücke. Unterstützt wird er von Offene Kommunen NRW unterstützt, einem Netzwerk für digitale Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene. Die technische Grundlage bildet Mat-O-Wahl, eine GPL-lizenzierte Open-Source-Software von Mathias Steudtner, die es auch kleineren Initiativen ermöglicht, eigene Wahlhilfen zu realisieren. Wir stellen unsere Materialien und Erfahrungen offen zur Verfügung, damit andere Städte dasselbe tun können, wenn sie wollen.
Wie der bonn-o-mat 2025 entstanden ist
Der bonn-o-mat 2025 ist das Ergebnis eines mehrmonatigen Prozesses, der im Februar begann und am 1. August sechs Wochen vor der Wahl mit dem Launch endete.
- Februar: Öffentlicher Kick-off. Wir haben das Projekt vorgestellt, Fragen beantwortet, erste Ideen gesammelt.
- Mai: Thesen-Workshop. Eine ehrenamtliche Redaktion hat mit Bürgerinnen und Bürgern aus Bonn gearbeitet, um kommunalpolitische Konfliktherde zu identifizieren und in Thesenform zu bringen. Die Vorlage ist dabei denkbar simpel: „Die Stadt Bonn sollte im Bereich [X] folgendes tun: [Y].“ Was einfach klingt, ist methodisch anspruchsvoll – dazu gleich mehr.
- Juni/Juli: Antwortphase der Parteien. 53 Thesen wurden an alle teilnahmeberechtigten Parteien und Wahlbündnisse versendet. Bis zum 8. Juli hatten sie Zeit, sich zu positionieren. Neue Wahlbündnisse, die erst nach dem Einsendeschluss für Wahlvorschläge zugelassen wurden, erhielten eine Verlängerungsfrist bis 15. Juli.
- 10. Juli: Redaktionsworkshop. Aus 53 Thesen wurden jene 30 ausgewählt, die die inhaltlichen Unterschiede zwischen den Parteien am deutlichsten sichtbar machen – und gleichzeitig kommunalpolitisch relevant sind.
- 1. August: Launch.
Hinter diesem Prozess steckt eine ehrenamtliche Redaktion, die über Monate kontinuierlich mitgearbeitet hat. Ohne diese Menschen – Andreas Püttmann, Anke Werner, Anna Hoff, Daniel Weber, Ingrid Schöll, Johannes Mirus, Karina Kröber, Merlin Klein, Lena Laube, Linus Laube, Lio, Sabine Leppek, Stefan Heckl, Ute Longe und Vanessa Püller – gäbe es keinen bonn-o-mat 2025.
Dankenswerterweise hat sowohl das Woki Kino in Bonn unseren Trailer im Vorprogramm abgespielt als auch die Stroer AG uns eine breite Kampagne innerhalb von Bonn ermöglicht. Dafür nochmals vielen Dank. Diese Materialien findet man unter anderem auf der Seite Presse des bonn-o-mat. Begleitet hat uns diesmal im Team Mika Baumeister, der die Videoproduktion und die Arbeit in den soziale Medien übernommen hat. Und auch der WDR hat einen Beitrag über uns gedreht.
Nutzung der Wahlhilfe
Im Zeitraum vom 1. August bis zum 14. September 2025 verzeichnete der bonn-o-mat: 204.600 Seitenaufrufe, 87.352 Besuchende und Ø 4.547 Seitenaufrufe pro Tag. Die Nutzungskurve zeigt ein charakteristisches Muster: einen ersten Peak kurz nach dem Launch, eine relative Stabilisierung über die Wochen, und dann einen massiven Anstieg unmittelbar vor dem Wahltag. Dieses Muster ist für VAAs typisch – und es zeigt, dass viele Menschen den bonn-o-mat tatsächlich als Entscheidungshilfe in den letzten Tagen vor der Wahl nutzten, nicht nur als spielerisches Informationsangebot.
Was diese Zahlen nicht zeigen: ob die Nutzenden auch wählen gegangen sind, ob sie ihre Entscheidung verändert haben, ob sie danach weitergelesen haben. Die Forschung zu VAAs insgesamt zeigt, dass Wahlhilfen eher randständige oder unentschlossene Gruppen mobilisieren und tendenziell positive Effekte auf politisches Wissen und Wahlbeteiligung haben. Ob das für den bonn-o-mat ebenfalls gilt, lässt sich ohne Begleitforschung nicht sagen. Ich halte es für plausibel, aber ich will es nicht behaupten. In meinem Essay „Lokale Wahlhilfe zwischen Bürgerschaft und Institutionen“ des OKNRW – Science Track-Sammelbandes, da habe ich mich noch intensiver mit Zusammenhängen von VAAs und der Herkunft von Wahlhilfen beschäftigt.
Wie der bonn-o-mat die Positionen errechnet
Der Algorithmus ist transparent und einfach: Wer eine These beantwortet hat, erhält je nach Übereinstimmung mit der Parteiposition 2, 1 oder 0 Punkte. Exakte Übereinstimmung: 2 Punkte. Angenäherte Position (z.B. Nutzer*in: neutral, Partei: Zustimmung): 1 Punkt. Gegensätzliche Position: 0 Punkte. Wer eine These überspringt, erhält 0 Punkte, und sie fließt nicht in die Maximalberechnung ein. Wer eine These doppelt gewichtet, verdoppelt die Punkte für diese These.
Das Ergebnis ist ein Prozentwert der jeweils maximal erreichbaren Punktzahl – und dieser Wert schwankt je nach übersprungenen und doppelt gewichteten Thesen.
Das ist methodisch sauber erklärt, aber ich möchte auch sagen, was dahinter nicht steckt: keine Magie, keine tiefere Intelligenz, kein Anspruch auf Vollständigkeit. Jürgen Falter hat diese Kritik mehrfach formuliert: Die angezeigte Übereinstimmung von etwa 78% suggeriert eine Präzision, die das Instrument nicht einlösen kann. Ich teile diese Einschätzung. Der Prozentwert ist ein nützlicher Anhaltspunkt, kein objektives Maß.

Eine gute These formulieren
Das Herzstück des bonn-o-mat ist nicht die Software, sondern die Thesenarbeit. Eine gute These muss sieben Kriterien erfüllen:
Sie enthält eine eindeutige Positionierungsmöglichkeit – eine klare Forderung oder Zustandsbeschreibung, zu der man wirklich Stellung beziehen kann. Sie besteht aus einem einzigen Hauptsatz ohne erläuternde Nebensätze, die unbeabsichtigt Wertungen transportieren. Sie ist umkehrbar – auch die Gegenposition muss als politische Haltung plausibel sein. Sie setzt einen konkreten zeitlichen und räumlichen Rahmen, wo das sinnvoll ist. Sie ist kommunalpolitisch relevant – das heißt: das Thema liegt tatsächlich im Entscheidungsbereich der Stadt Bonn, nicht beim Land oder beim Bund. Sie verzichtet auf wertende Adjektive wie „besser“, „stärker“ oder „mehr“, die bereits eine Vorentscheidung enthalten. Und sie berücksichtigt verschiedene gesellschaftliche Perspektiven – nicht nur die der Menschen, die an den Workshops teilgenommen haben.
Das klingt handhabbar. In der Praxis ist es sehr anspruchsvoll. Ein Beispiel: „Die Bürgerschaft soll stärker in Bauvorhaben der Stadt eingebunden werden“ verletzt Kriterium sechs – das Wort „stärker“ enthält bereits eine Wertung des Status quo. Ohne „stärker“ dagegen fragt sich, welche konkrete Maßnahme eigentlich gefordert wird. Solche Abwägungen füllen viele Stunden ehrenamtlicher Workshoparbeit.
Ich sage das nicht, um die Qualität unserer Thesen zu untergraben. Ich sage es, weil ich möchte, dass die Nutzenden des bonn-o-mat verstehen: Hinter jedem dieser 30 Sätze steckt eine Entscheidung. Und jede Entscheidung ist angreifbar. Das Material der Workshops und der Vorbereitung dazu finden sich unter Redaktionsablauf.
Die Grenzen vom bonn-o-mat
Ebenfalls zur Klarheit möchte ich hier noch ein paar Punkte erwähnen, was der bonn-o-mat bisher nicht so optimal geleistet hat bzw. sogar auch nie leisten wird, oder auch die Art von Voting Tools, die wahrscheinlich auch nie leisten werden können:
Das Agenda-Setting-Problem.
Wer bestimmt, welche Themen in den bonn-o-mat aufgenommen werden? Wir. Die Redaktion. Die Menschen, die an den Workshops teilgenommen haben. Das ist ein partizipativer Prozess – aber kein repräsentativer. Themen, die niemand einbringt, existieren im bonn-o-mat nicht. Wer nicht an den Workshops teilnimmt, hat keinen Einfluss auf die Themenagenda. Das ist eine strukturelle Schwäche, die wir durch Online-Einreichungen abmildern, aber nicht auflösen.
Die Repräsentativitätsfrage.
Wer nimmt an Thesenworkshops teil? Tendenziell Menschen, die ohnehin politisch interessiert, informiert und mobil sind. Die genauen Bevölkerungsgruppen, die VAAs besonders erreichen sollen – politisch weniger engagierte, jüngere, weniger informierte Wählerinnen und Wähler – sind in unserer Redaktion strukturell unterrepräsentiert. Das beeinflusst, welche Konfliktherde als relevant wahrgenommen werden.
Die binäre Falle.
Komplexe kommunalpolitische Sachverhalte müssen in das Korsett von „Stimme zu / Neutral / Stimme nicht zu“ gepresst werden. Ob die Stadt Bonn bis 2026 auf allen öffentlichen Gebäuden Photovoltaikanlagen installieren soll, hängt in der Realität von Finanzierungskapazitäten, Denkmalschutzauflagen und technischer Machbarkeit ab. Das Format kann diese Nuancen nicht abbilden. Es gibt keine böse Absicht dahinter- es liegt im Format selbst.
Die institutionelle Asymmetrie.
Der Wahl-O-Mat der bpb hat professionelle Mitarbeiter, wissenschaftliche Begleitforschung, institutionelle Autorität. Er kann Parteien zur Mitarbeit gleichsam verpflichten. Wir können das nicht. Wir sind abhängig von der Bereitschaft der Parteien, mitzumachen und von der Energie einzelner Ehrenamtlicher. Das ist eine strukturell andere Ausgangsposition. Bisher hatten wir Glück, dass die Parteien kooperativ waren und uns bei unseren Vorhaben unterstützt haben. Das ist nicht selbstverständlich.
Diese Einwände treffen im Übrigen den Wahl-O-Mat der bpb genauso wie den bonn-o-mat. Die Scheinpräzision der Prozentzahlen, das implizite Agenda-Setting durch die Redaktion, die Reduktion komplexer Sachverhalte auf binäre Positionierungen – das ist kein Problem lokaler VAAs, sondern liegt im Format selbst begründet. Entscheidend ist, dass wir das kommunizieren.

Screenshot aus dem Online-Workshop des Bonn-o-maten
Was der bonn-o-mat leistet
Nach allem, was ich gerade gesagt habe, möchte ich auch das sagen: Ich glaube, dass der bonn-o-mat einen Beitrag leistet. Nicht weil ich ihn gebaut habe, sondern weil die Forschung zu VAAs zeigt, dass solche Instrumente positive Effekte auf politisches Wissen und Diskursbereitschaft haben und weil ich es in Gesprächen erlebe.
Sein Hauptnutzen liegt, wie es die Forschung formuliert, in Orientierung und Anschlusskommunikation – nicht in Wahlempfehlungen. Menschen, die den bonn-o-mat nutzen, reden danach über die Ergebnisse. Sie vergleichen mit Freunden. Sie schauen sich Parteipositionen an, die sie vorher nicht wahrgenommen hatten. Sie stellen fest, dass ihre Intuition und ihre algorithmisch berechnete Nähe zu einer Partei manchmal auseinanderfallen und das veranlasst zur Reflexion.
Kommunalwahlen folgen einer anderen Logik als Bundestagswahlen. Wie Norbert Kersting herausgearbeitet hat, dominieren auf lokaler Ebene konkrete Sachfragen gegenüber abstrakten ideologischen Debatten. Es geht um den Bau einer Stadtbahn, um Gebühren, um Schwimmbäder, um Radwege. Diese Nähe zum Alltag macht lokale VAAs einerseits zugänglicher und andererseits methodisch komplizierter, weil die ideologische Trennschärfe zwischen Parteien geringer ist als auf Bundesebene.
Der bonn-o-mat 2025 war nie nur ein Tool, eine Software, eine Webseite. Er war das Ergebnis eines ehrenamtlichen Engagements für Demokratie. Menschen aus Bonn, die sich über Monate zusammengesetzt haben, um eine gemeinsame Grundlage für informiertere Wahlentscheidungen zu schaffen. Dass das möglich ist, ohne institutionelle Förderung, das ist für mich das eigentlich Bemerkenswerte. Wir haben das Ganze aus eigener Tasche bezahlt, und das ist auch vollkommen in Ordnung so.
Wie es weiter geht
Der bonn-o-mat zeigt, dass lokale Demokratieinfrastruktur nicht auf staatliche Angebote warten muss. Sie kann von unten wachsen. Das ist keine romantische Behauptung sondern eine Feststellung: Wir haben es dreimal getan, hunderttausenden Seitenbesucher*innen und einer ehrenamtlichen Redaktion.
Aber zivilgesellschaftliches Engagement ist strukturell fragil. Ob der bonn-o-mat 2030 wieder verfügbar sein wird, hängt davon ab, ob Menschen bereit sind, sich erneut zu engagieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Entscheidung, die jedes Mal neu getroffen wird.
Was ich mir für die Zukunft wünsche – nicht nur für den bonn-o-mat, sondern für lokale VAAs insgesamt:
Erstens: Methodische Weiterentwicklung. Die Repräsentativität der Thesenentwicklung, die Transparenz der Selektionsentscheidungen, externe Qualitätssicherung, Auswahl der Redaktion – das sind Baustellen, an denen wir weiterarbeiten müssen.
Zweitens: Vernetzung. Der bonn-o-mat ist nicht das einzige Projekt dieser Art. Es gibt andere Städte, andere Initiativen, andere Menschen, die dasselbe versuchen. Wir stellen unsere Materialien offen zur Verfügung – das Gute-Thesen-Handbuch, den Workshopprozess, die Erfahrungen. Wer eine ähnliche Initiative in seiner Stadt aufbauen möchte, kann uns ansprechen.
Drittens: Begleitforschung. Wir wissen empirisch zu wenig darüber, wie lokale VAAs wie der bonn-o-mat tatsächlich wirken. Wer nutzt sie? Wie verändern sie Wissen und Verhalten? Welche Bevölkerungsgruppen erreichen wir – und welche nicht? Das sind Fragen, die wir nicht aus eigener Kraft beantworten können. Wir sind für Kooperationen mit Forschungseinrichtungen offen.
Wenn Du bis hier gelesen hast, interessiert Dich das Thema – ob als Wählerin, als Forscher, als Aktivist, als jemand, der in einer anderen Stadt etwas Ähnliches aufbauen möchte.
Der bonn-o-mat ist ein ehrenamtliches Projekt. Er lebt davon, dass Menschen mitmachen: in Workshops Thesen entwickeln, in der Redaktion mitarbeiten, das Angebot teilen, kritisch zurückmelden, was nicht funktioniert.
Wenn Du Lust hast, Teil davon zu sein für 2030, für eine andere Stadt, für eine Weiterentwicklung des Konzepts, dann melde Dich!
zum bonn-o-mat.de




