Eine Karte für die Daten, die noch niemand veröffentlicht hat
Wenn in Deutschland über offene Daten gesprochen wird, geht es meist um das, was schon veröffentlicht ist: Welches Portal, welche Lizenz, welches Format. Das sind wichtige Fragen aber es sind die Fragen von Schritt zwei. Sie setzen voraus, dass jemand einen Datensatz bereits herausgegeben hat.
Der Schritt davor ist kaum beschrieben. Welche Daten entstehen eigentlich in einem Ordnungsamt, einer Landeskirche, einer Berufsschule, einem Sozialunternehmen? Und was hindert daran, sie zu veröffentlichen?
Der Datenatlas ist eine Karte der deutschen Datenlandschaft. Er sammelt nicht die Daten selbst, sondern beschreibt, welche Sorten von Daten in Organisationen anfallen von Belegungszahlen über Prüfungsergebnisse bis zu Förderstatistiken. Rund 10.000 solcher Datensorten sind erfasst.
Für jede einzelne beantwortet er eine Frage: Ließe sich das veröffentlichen? Und wenn nein, warum nicht? Es gibt drei Antworten. Entweder spricht nichts dagegen. Oder es fehlt ein bestimmter Arbeitsschritt, etwa das Zusammenfassen zu Durchschnittswerten, damit niemand einzelne Personen erkennen kann. Oder die Daten selbst müssen zurückbleiben, und nur eine Beschreibung von ihnen kann öffentlich werden.
Jede dieser Einschätzungen steht mit Begründung da. Man kann sie lesen, weiterverwenden und ihr widersprechen.
Der auffälligste Befund: Bei gut zwei Dritteln der erfassten Datensorten spricht nichts gegen eine Veröffentlichung. Ein knappes Drittel bräuchte einen Arbeitsschritt vorher. Nur ein kleiner Rest rund drei Prozent ist so sensibel, dass wirklich nur eine Beschreibung öffentlich werden könnte. Dieser Befund verdient eine Einordnung, damit er nicht mehr behauptet, als er kann. Der Atlas hat nicht nachgezählt, was tatsächlich in deutschen Ämtern und Vereinen liegt. Er beschreibt, welche Daten bei einer bestimmten Art von Organisation üblicherweise entstehen, und schätzt jede Sorte einzeln ein. Die zwei Drittel sind also das Ergebnis einer sorgfältigen Einschätzung, nicht einer Erhebung.
Auch so bleibt die Richtung bemerkenswert. Wer in Verwaltungen über offene Daten spricht, hört den Datenschutz meist als erstes Gegenargument. In dieser Durchsicht ist er selten die eigentliche Hürde. Häufiger geht es um Zuständigkeit, um Aufwand und darum, dass jemand entscheiden müsste und niemand gefragt hat.
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Eine Entscheidung im Aufbau erklärt viel. Der Atlas ist nicht nach Themen gegliedert, sondern danach, wer die Daten erzeugt. Es gibt keinen Bereich „Gesundheit“. Krankenhausdaten liegen je nach Träger beim Staat oder in der Wirtschaft.
Das wirkt zunächst umständlich, trifft aber den Kern. Ob sich Daten öffnen lassen, hängt weniger vom Thema ab als davon, wer sie führt. Eine kommunale Klinik unterliegt anderen Pflichten als eine private. Eine Kirchengemeinde entscheidet über ihre Haushaltszahlen selbst, eine Stadt nicht. Dieselbe Art von Zahlen verhält sich bei verschiedenen Trägern völlig unterschiedlich. Wer nach Themen sortiert, verdeckt genau diesen Unterschied.
Der Atlas macht das nutzbar: Zu jeder Datensorte zeigt er verwandte Einträge aus anderen Bereichen. Man sieht auf einen Blick, wo dieselbe Art von Daten unter anderen Bedingungen entsteht.
Bei zehntausend Einträgen ist das Sammeln nicht das Schwierige. Schwierig ist, keinen überzeugend klingenden Unsinn zu produzieren. Zu jeder Datensorte lässt sich mühelos ein Satz formulieren, der gut klingt und trotzdem falsch ist.
Deshalb gilt eine Regel, die ungewöhnlich klingt: Wenn die vorliegenden Angaben für eine belastbare Begründung nicht ausreichen oder sich widersprechen, wird nichts geschrieben. Der alte Text bleibt stehen. Das ist ausdrücklich erlaubt.
Diese Zurückhaltung hat sich als wertvollster Teil erwiesen. Genau dort, wo keine Begründung möglich war, kamen Fehler im Bestand zum Vorschein: Einträge, deren Angaben einander widersprachen. Wer stattdessen einfach etwas Plausibles hingeschrieben hätte, hätte diese Fehler zugedeckt.
Ebenso gilt: keine erfundenen Paragrafen, und keine Behauptungen darüber, wer was angeblich schon veröffentlicht hat. Solche Sätze halten im Gespräch mit einer Datenschutzbeauftragten keine fünf Minuten.
Die Technik hinter dem Datenatlas
Technisch ist der Atlas bewusst schlicht. Er läuft vollständig im Browser, ohne Anmeldung, ohne Konto, ohne Datenbank im Hintergrund.
Er ist kein Downloadportal. Wer echte Daten sucht, findet sie bei GovData, den Landesportalen und den Fachrepositorien. Und er ist keine Auskunft über eine bestimmte Behörde. Ob ein konkretes Amt einen konkreten Datensatz führt, muss man vor Ort klären. Und schon gar keine Rechtsberatung. Die Einschätzungen sind fachlich begründet, aber nicht rechtsverbindlich.
Was bleibt, ist ein Werkzeug zum Orientieren, Argumentieren und Planen. Für alle, die in ihrer Organisation die Frage stellen wollen, welche Daten eigentlich da sind und was einer Veröffentlichung im Weg steht, mit einer Begründung, die man zitieren kann, weil andere sie nachprüfen können.
Zu finden unter datenatlas.de Der Quellcode ist offen und liegt auf GitHub.



