Im Januar 2026 rief mich Isabell Rzepecki an. Sie hatte eine Idee: einen Wahl-O-Mat für Witzenhausen. Zur Kommunalwahl im März. In wenigen Wochen. Ich betreibe seit 2015 den bonn-o-mat. Ich weiß, was das bedeutet. Und ich weiß, dass das ehrgeizig war. Ich sagte zu.
Wie der wiz-o-mat entstand
Der wiz-o-mat ist technisch identisch mit dem bonn-o-mat. Er basiert auf der Open-Source-Software Mat-O-Wahl von Mathias Steudtner. Die Webseite haben Isabell und ich gemeinsam gestaltet. Das war der einfache Teil. Der schwierige Teil war alles andere.
In drei Workshops – alle innerhalb weniger Wochen im Januar und Februar – hat eine ehrenamtliche Redaktion aus Witzenhauser Bürger:innen zunächst kommunalpolitische Themen gesammelt, dann Thesen formuliert und sprachlich geschärft, und schließlich aus rund 49 Thesen die 30 ausgewählt, die die größten inhaltlichen Unterschiede zwischen den Parteien sichtbar machen. Das ist kein redaktioneller Automatismus. Das ist konzentrierte kollektive Urteilsbildung unter Zeitdruck.
Meine Rolle war methodisch, nicht inhaltlich. Ich habe das Verfahren eingeführt: Wie entwickelt man Thesen, die politisch trennscharf sind? Was macht eine gute These aus? Wo findet man Konfliktstoff, der wirklich in der lokalen Politik steckt? Das sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Ich habe Erfahrungen aus dem bonn-o-mat eingebracht, Hinweise gegeben, Entwürfe kommentiert. Die Auswahl der Thesen lag ausschließlich bei der Redaktion. Das war richtig so.
Wir haben uns digital getroffen und den persönlichen Austausch bewusst gepflegt. Zwischen Bonn und Witzenhausen liegt Distanz – aber das Projekt hat gezeigt, dass solche Kooperationen funktionieren, wenn Vertrauen da ist und Methoden klar kommuniziert werden.
In wenigen Wochen ein funktionierendes Tool
Isabell Rzepecki ist Betriebswirtin und Agraringenieurin. David Loesche ist Mediator und seit Jahren in lokalen Initiativen aktiv. Nahuel Mongi Vollmer ist Historiker, Journalist und hat 2025 die Witzenhäuser Neue Zeitung gegründet. Keine:r von ihnen ist hauptberuflich in der politischen Bildung tätig.
Das Projekt hatte keine institutionelle Förderung, keinen bezahlten Stab, keine eingespielte Infrastruktur. Es lief vollständig neben dem Vollzeitjob. Isabell hat selbst gesagt, sie würde beim nächsten Mal früher anfangen. Diese Selbstkritik zeigt professionelle Haltung. Und sie verdeckt nicht, was tatsächlich geleistet wurde: In kürzester Zeit wurde ein methodisch sauberes, technisch robustes und politisch überparteiliches Orientierungsinstrument aufgebaut. Für eine Stadt, die so etwas noch nie hatte. Das verdient Anerkennung.

Was Bonn und Witzenhausen unterscheidet
Ich habe im vergangenen Jahr 2025 zum dritten Mal den bonn-o-mat angeboten und durchgeführt. Der erste war 2015 noch ein Experiment. Heute ist das Format in Bonn bekannt. Menschen melden sich, die mitmachen wollen. Parteien wissen, was sie erwartet. Die lokale Medienlandschaft kennt das Instrument. Der wiz-o-mat hatte das bis dato nicht. Er tauchte zum ersten Mal auf – mitten in einer Kommunalwahlkampagne, mit einer Redaktion, die sich gerade erst gefunden hatte, und mit Parteien, die dieses Format teilweise nicht richtig verstanden.
Das macht einen strukturellen Unterschied, den man nicht unterschätzen sollte. In einer Großstadt wie Bonn mit rund 330.000 Einwohner:innen gibt es eine breitere Trägerschicht für solche Initiativen. Mehr Menschen, die Zeit haben. Mehr Milieus, die solche Formate kennen und schätzen. Und eine politische Klasse, die gelernt hat, mit Wahlhilfe-Tools umzugehen.
In einer Kleinstadt von 15.000 Menschen ist das anders. Die politische Landschaft ist enger, persönlicher, oft langjährig gewachsen. Neue Formate treffen auf weniger Vorerfahrung – und manchmal auf reflexiven Widerstand. Meine Vermutung: Gerade weil sich die Akteure in Witzenhausen besonders gut kennen, hat ein neues Tool, das plötzlich mit klaren Thesen und Positionierungsanfragen daherkommt, mehr Aufregung ausgelöst, als das in Bonn der Fall gewesen wäre. Dort ist so etwas inzwischen Teil des politischen Routinebetriebs.
Hinzu kommt: In ländlich geprägten Regionen ist die Dichte an Menschen, die sich mit Formaten politischer Bildung aktiv befassen, schlicht geringer. Das ist kein Vorwurf. Es ist ein strukturelles Merkmal.
Witzenhausen ist trotzdem kein normales Kleinstadtbeispiel
Wer Witzenhausen kennt, weiß: Diese Stadt ist eine Ausnahme. Sie hat eine ausgeprägte politische Kultur, die in Kleinstädten dieser Größe selten ist. Es gibt eine große und politisch engagierte Studierendenschaft – Witzenhausen ist Standort der Universität Kassel mit dem Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften. Das prägt das lokale Milieu erheblich. Debatten, Initiativen, zivilgesellschaftliches Engagement: das ist in Witzenhausen verbreiteter als man erwarten würde.
Das ist auch der Boden, auf dem der wiz-o-mat gewachsen ist. Ohne diese besondere politische Kultur wäre ein solches Projekt in dieser kurzen Zeit wahrscheinlich nicht entstanden. Und genau deshalb ist Witzenhausen ein interessanter Testfall. Wenn ein Format wie dieses irgendwo in einer Kleinstadt funktionieren kann, dann hier. Und es hat funktioniert.
Die Parteien, die nicht teilgenommen haben
SPD, CDU und FDP haben abgesagt. Ihre Begründungen – fehlende Neutralität, kommunale Unzuständigkeit einzelner Thesen, unausgewogene Themenbalance – sind diskussionswürdige Einwände. Aber sie rechtfertigen nicht die Abwesenheit. Methodische Kritik gehört in den Dialog, nicht in die Verweigerung. Das Instrument bietet für jede These die Möglichkeit, mit „neutral“ zu antworten oder die eigene Haltung im Kommentarfeld zu erläutern. Wer Thesen für unzuständig hält, kann das sagen. Wer die Balance für schief hält, kann das benennen.
Stattdessen haben drei Parteien das Feld verlassen – und damit die Wähler:innen mit einer unvollständigen Information zurückgelassen. Das ist ein Informationsverlust. Für alle. Ich sage das ohne Polemik. Und ich sage gleichzeitig: Diese Reaktion ist kein Witzenhausener Problem. Sie ist typisch für die erste Begegnung mit einem neuen Format. Beim bonn-o-mat haben wir ähnliche Dynamiken erlebt. Es braucht Zeit, bis ein Instrument Vertrauen aufbaut. Das setzt voraus, dass es das nächste Mal gibt.
Was ich mir für das nächste Mal wünsche
Der wiz-o-mat ist kein fertiges Produkt. Er ist ein erster Schritt. Für die nächste Kommunalwahl würde ich mir wünschen: mehr Vorlaufzeit, mehr Themen aus den Stadtteilen, und vor allem: mehr Parteien, die mitmachen. Nicht weil das Format perfekt ist. Sondern weil Transparenz nur entsteht, wenn alle bereit sind, sichtbar zu sein.
Das Redaktionsteam hat gute Arbeit geleistet. Es hat unter Bedingungen, die alles andere als ideal waren, ein seriöses, überparteiliches und nützliches Instrument geschaffen. Es hat dabei eigene Fehler benannt. Das ist die Haltung, die solche Initiativen langfristig glaubwürdig macht. Witzenhausen hat gezeigt, dass das möglich ist. Das lässt sich übertragen.
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