Weniger kaufen, mehr leihen, öfter klingeln
Warum ich LeihIchDir gebaut habe: eine kleine Liste, die zeigt, was im Freundeskreis schon da ist, und das Fragen leichter macht.
Wer hat eigentlich eine Leiter?
Die Lampe im Flur hängt schief, und Dir fehlt eine Leiter. Irgendwer im Freundeskreis hat bestimmt eine. Aber wer? Reihum alle fragen, mit dem leisen Gefühl, lästig zu sein? Am Ende stehst Du doch im Baumarkt, weil Kaufen leichter fällt als Fragen.
Ich wünsche mir, dass wir weniger kaufen und weniger horten, und ich möchte etwas pflegen, das mir wichtiger ist als jede Leiter: Freundschaften und Nachbarschaft. Wer sich etwas leiht, kommt vorbei, plaudert, bringt es zurück, vielleicht mit Kuchen. Geben, Annehmen und Erwidern keine bloßen Geschäfte sind, sondern Pflichten, die Menschen aneinander binden. Ein Kauf ist mit dem Bezahlen erledigt, eine geliehene Leiter nicht. Ich wollte das Fragen nicht abschaffen, nur das Herumfragen ins Blaue. Wenn ich sehe, wer was hat, frage ich gezielt, und Fragen fällt wieder leichter als Kaufen.
Eine Liste und zwei Links
Seit September 2026 baue ich LeihIchDir. Die Leihliste entsteht in drei Schritten: Inventar, Kontakt, Link teilen. Du trägst ein, was Du verleihen magst, und notierst, ob etwas gerade verliehen ist, an wen und seit wann. Kontaktdaten sind freiwillig. Dann hast Du zwei Links: den Bearbeiten-Link als Deinen geheimen Zugang und den Ansehen-Link für Deine Freund:innen, immer im aktuellen Stand. Ändern können sie nichts, aber anfragen: Die App legt ihnen einen fertigen Text bereit, den sie per E-Mail oder über ihr Telefon an Dich schicken.
Wer mehrere solcher Links sammelt, legt eine Superliste an, eine Liste der Leihlisten, durchsuchbar und auf Wunsch nur mit dem, was frei ist. Der Gesellschaftskritiker Ivan Illich nannte Werkzeuge konvivial, die alle ohne Fachleute für eigene Zwecke nutzen können: Sie machen Menschen selbstständiger und bringen sie einander näher, statt sie abhängig zu halten. Daran messe ich LeihIchDir. Deshalb ist es kostenlos, werbefrei und kommt ohne Konto aus.
Zur Technik
Ich selbst soll nicht lesen können, was Du verleihst. Deshalb verschlüsselt Dein Browser die Liste, bevor sie Dein Gerät verlässt, mit einem offenen Standardverfahren (AES-GCM). Der Schlüssel steht im Link hinter dem Rautezeichen, und diesen Teil einer Adresse schicken Browser nicht an den Server. Mein Server bewahrt also nur eine verschlossene Kiste auf: Er sieht, wie groß sie ist und wann sie geöffnet wird, nicht, was darin ist. Dahinter steckt ein schlichtes PHP-Programm ohne Datenbank, Cookies und Analysedienste, auf einem Rechner in Deutschland. Der Quelltext liegt offen auf GitHub,.
Das hat Kehrseiten. Der Link ist der Schlüssel: Wer ihn hat, sieht die Liste, und wer ihn per gewöhnlicher E-Mail verschickt, gibt ihn dem E-Mail-Dienst mit. Ziehst Du den Ansehen-Link zurück, gibt es neue Links; was jemand bis dahin gesehen hat, bleibt gesehen. Einen verlorenen Bearbeiten-Link kann ich nicht wiederherstellen, gerade weil ich die Liste nicht lesen kann. Und wer Dinge einspricht oder mehrere auf einmal einträgt, verlässt den verschlüsselten Bereich: Der Text geht zum Zerlegen an Googles KI Gemini, die Spracherkennung je nach Gerät ebenfalls zu Google. Wer das nicht will, tippt die Dinge einzeln ein oder nutzt die Spracherkennung beziehungsweise die Transkription seines Handys dazu.
Was eine Liste verändern kann
Eine Liste allein ändert wenig – aber sie kann Gewohnheiten verschieben: im Leihen nicht nur das materielle Privileg undd damit nur als Befreiung vom Überfluss zu sehen, sondern Suffizienz zu üben – also zu fragen, was genug ist – und Gemeinschaftsnutzung zu leben: Dinge zu teilen, statt dass jeder alles besitzt. Eine Bohrmaschine für fünf Haushalte ist genau das, nur ohne Verein und Satzung. Oder noch besser: Man geht in eine Bibliothek der Dinge oder einen Leihladen, wie zum Beispiel die Leihbar Bonn.
Und noch ein paar Science- und Theoriesnacks hinterher:
- Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in „Resonanz“ Beziehungen, in denen Mensch und Welt einander antworten, und in „Unverfügbarkeit“, wie eine Welt verstummt, die wir immer verfügbarer machen. Ein Paket lässt sich bestellen, die Nachbarin mit der Leiter nicht: Ich muss fragen, und sie darf Nein sagen. Die Liste macht die Leiter erreichbar, nicht verfügbar. In diesem Rest Unverfügbarkeit liegt die Chance auf eine Begegnung.
- Robert Putnam, Politikwissenschaftler, zeichnet in „Bowling Alone“ nach, wie in den USA das Sozialkapital schwand: Beziehungsnetze und das Vertrauen und die Gegenseitigkeit, die in ihnen wachsen. Ich glaube, es wächst mit jeder Leiter, die zurückkommt.
- Und Mark Granovetter zeigte in „The Strength of Weak Ties“, dass gerade lose Bekanntschaften Brücken in andere Kreise schlagen. Schickt Dir eine Bekannte aus dem Chor ihren Ansehen-Link, wird sie zu jemandem, bei dem Du klingeln kannst, und Du für sie.
Bis bald an der Tür
Wenn Du magst, probier es aus: Leg auf leihichdir.de Deine Liste an und schick den Ansehen-Link, am besten über einen verschlüsselten Messenger, an zwei, drei Menschen, die Du gern öfter sehen würdest. Vielleicht klingelt bald jemand wegen Deines Waffeleisens. Und beim nächsten Mal leihst Du Dir die Leiter, statt sie zu kaufen.



